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Numerologie bei Volkmar Weiss

Sunday, July 8th, 2012

Bei Volkmar Weiss, bekannt als „Intelligenz-Forscher“, der Intelligenz als verankert in Klassen und „Rassen“ sieht, Eugeniker, von dem auch Thilo Sarrazin einiges übernommen hat (siehe etwa hier und hier), finden sich anscheinend auch außerhalb vom Themengebiet Intelligenz-Vererbung-Politik-Gesellschaft bemerkenswerte Ansichten: In Grundlagenfragen von Physik und Mathematik beweist er eine Denkweise, die mit einem kritischen, rationalen, wissenschaftlichen Geist unvereinbar zu sein scheint. Bezeichnend für diese Denkweise ist die Numerologie, die Zahlenmystik.

Rezeption durch Weiss

Zunächst einmal weisen seine Stellungnahmen Bezüge zu einigen mehr oder weniger wohlbekannten Cranks auf. Allen voran: Peter Plichta. Dieser deutsche Chemiker stellt die gesamte moderne Physik infrage, Relativitätstheorie und Quantenmechanik sind für ihn Unsinn. Was stellt er an ihre Stelle? Ein numerologisches Konstrukt vom Feinsten – das sogenannte Primzahlkreuz. In einer lustigen Anordnung der Primzahlen, der \(-1\) und der \(1\) meint er, alle Welträtsel gelöst zu haben. Seine „Theorie“, oder nennen wir es lieber seine Gedankenwelt, sei „mathematisch bewiesen“, was für eine die Beobachtung beschreibende Theorie unmöglich ist, denn diese kann stets widersprechen. Hermetische und zugleich lächerliche Formulierungen vom „komplexen \(cm^4\)-Raum“ und das Umdrehen von Ziffern gehören auch zu seinem argumentatorischen Repertoire. Die moderne Physik, die nunmal kompliziert ist, soll durch banale Zahlenmystik ersetzt werden. So viel zu ihm. Und was ist dieser Mann für Volkmar Weiss? Ein Revolutionär (1, 2, 3, 4), auf dessen Geschwurbel für ihn wohl die gesamte zukünftige Wissenschaft aufbauen sollte.

Volkmar Weiss gesteht formale Mängel in Plichtas Werk ein und versucht damit die fehlende wissenschaftliche Rezeption dieser Lächerlichkeiten zu erklären, obwohl sie eben enorm gehaltvoll seien. Andere hätten diese Mängel angeblich behoben, wie etwa Jan C. A. Boeyens, ein durchaus anerkannter Chemiker, der allerdings im Alter wohl am „Pauling-Syndrom“ erkrankte und sein Cranktum begann. In der Tat hat er es – wohl mit seinem Ruf – geschafft, sein Zeug bei Springer unterzubringen, in dem er auch Plichta referenziert. Er ist nicht ganz so krass wie Plichta, die typischen Merkmale von Zahlenmystik und Cranktum sind jedoch auch bei ihm ausgeprägt. Von einer nun erfolgten wissenschaftlichen Weiterentwicklung kann also keine Rede sein. (Siehe 1, 2 und auch diesen Wikipedia-Edit, gut möglich, dass er auch von Weiss, einem Ex-Wikipedia-Autor stammt.)

Auch die Werke eines gewissen Adri de Groot (1) und eines Reinhard Köcher (1, 2) werden von Weiss ernstgenommen. Zum wissenschaftlichen Gehalt bei diesen beiden Persönlichkeiten muss man wohl nach Lesen der Buchtitel nicht mehr viel sagen.

Der wohl prominenteste Crank, auf den Weiss Bezug nimmt (1, 2), ist Stephen Wolfram. Bekannt als Unternehmer im Bereich mathematischer Software (→Mathematica, das Unternehmen Wolfram), hat auch er in den letzten Jahren gewisse eigenwillige Theorien entwickelt, die er etwa in seinem Buch A New Kind of Science darlegt – zurückzuführen wohl auf Überschätzung seiner selbst und auf Überschätzung seines ursprünglichen Forschungsgebiets, den zelluären Automaten. Auch er will einfache Antworten auf komplizierte Fragen und ignoriert bisherige physikalische Erkenntnisse. Gemein ist wohl all diesen Leuten, dass ihnen die heutige Physik und die Mathematik dahinter zu kompliziert sind und sie ihrer Ansicht nach völlig ersetzt werden müssen. Mit umfassenden Erklärungen für Beobachtungen oder gut verifizierte Theorien können sie natürlich nicht aufwarten, an ihre Stelle treten Glaube und in größerem oder kleinerem Umfang fundamentale wissenschaftliche Fehler.

Weiss’ eigenes Werk

War der Mann vllt. nur geblendet von ein paar schönen Formulierungen und hat die Numerologie dahinter übersehen? Abgesehen davon, dass diese Erklärung mit dem Umfang seiner Rezeption solcher Autoren kaum kompatibel wäre, sieht es in seinen eigenen Werken nicht besser aus. Auch er schreibt nämlich zu naturwissenschaftlichen Grundlagen, und auch wenn er behauptet, formale Mängel bei Plichta erkannt zu haben, sieht es in seinem Werk kaum besser aus. In der vielleicht unseriösesten Zeitschrift mit Peer Review Chaos, Solitons and Fractals (siehe hier für eine nette Bezugnahme auf diese Lage) – dank Elesevier-Paketen vielfach abonniert – hat er etwa einen sehr eindeutigen Artikel veröffentlicht. Man beachte seine Warnung:

Vorsicht, nicht verständlich ohne sehr spezielle Vorbildung in Informationstheorie, Statistischer Mechanik, Psychophysiologie und Neuropsychologie:

Um all die tollen Fachbegriffe zu verstehen, die er dort benutzt, benötigt man solche Kenntnisse wohl tatsächlich. Die Unwissenschaftlichkeit ist dagegen für jeden Laien mit ein wenig Bezug zur Naturwissenschaft, der nicht gerade Peer Reviewer bei Chaos, Solitons and Fractals ist, offensichtlich (man muss nur den Wust von Fachbegriffen übergehen):

In this system of present-day constants the Planck length has the value \(1.6160\cdot 10^{-35} \mathrm{m}\) (standard uncertainty \(0.0012\cdot 10^{-35} \mathrm{m}\)). If we fix instead the Planck length at the value of the golden mean at \(1.6180\cdot 10^{-35} \mathrm{m}\) and recalculate consequently all other physical variables, this means for the numerical size of the second only a trivial correction not relevant for our argument.

Das ist Zahlenmystik von Plichta’scher Größe! Man schaut sich eine Naturkonstante in SI-Einheiten an und findet eine, deren numerischer Wert so ähnlich aussieht wie der goldene Schnitt, ein großartiger Beleg. Nicht nur werden die völlig beliebigen, physikalisch bedeutungslosen SI-Einheiten vorausgesetzt, nein, auch von der Darstellung im Dezimalsystem hängt dieses Argument ab. Wechselt man das Einheitensystem oder das Zahlensystem, was physikalisch keinen Unterschied machen sollte, verschwindet der Zusammenhang zum goldenen Schnitt.

Auch in einem Artikel im Journal of Mathematics and Design, bei dem angeblich auch eine Review stattfindet, sieht es nicht besser aus:

The point of resonance, corresponding to the eigenvalues and zero-crossings of a wave packet (wavelet), is not the frequency of its fundamental, but half of its frequency. If we assume the fundamental to be twice the golden mean (DE SPINADEL 1998) F, that means \(2\cdot 1.618 = 3.236 \mathrm{Hz}\), a point of resonance at \(F = 1.618 \mathrm{Hz}\) follows.

Das Argument steht und fällt mit dem Einheitensystem. Ohnehin ist die Betonung des goldenen Schnitts schon typisch. Was man vielleicht dazusagen wollte: Auf Grundlage dieser Überlegungen meint Weiss, neurologische Erkenntnisse, Erkenntnisse über das Denken und die Intelligenz, erlangt zu haben. Auch das menschliche Denken muss für ihn letztlich ganz einfach sein.

Fazit

Mein Fazit: Im Falle von Volkmar Weiss gilt es nicht nur, die rassistischen und klassistischen Einstellungen, fraglichen Umgang mit Statistiken, Eugenik und die politischen Ansichten, die er damit begründet, zu kritisieren. Nein, offenbar liegt völliges wissenschaftliches Unverständnis vor. Nicht „nur“ ideologisch ist seine Gedankenwelt vollkommen verquer, es fehlt jegliche Rationalität.

Himmel und Hölle

Monday, May 28th, 2012

Der koreanische Film Himmel und Hölle denkt eine moderne Welt, in der der Gang zum Himmel oder zur Hölle, Engel und Dämonen Realität sind, ein vom Menschen akzeptiertes kaltes System über dem Ihrigen, aber doch nicht göttlich, Umwindung erlaubend. Von Gott ist keine Rede. Fragen nach Schuld und Verdienst, Gut und Böse werden zwar von den Figuren aufgeworfen, doch es scheint ihnen nicht weiter verblüffend, wie wenig sie mit dem System von Himmel und Hölle zu tun haben. Der Protagonist des ersten Teils ist ein einsamer Büroarbeiter, der ein leeres Leben führt, und vom System der Hölle zugewiesen wird, in den zweiten (oder später den dritten, Übersetzungsfehler?) „Kreis der Hölle“. Die Protagonistin des zweiten Teils ist Künstlerin, verlobt, in Beziehung zu ihrer Mutter stehend, sie ist dem Himmel zugewiesen. Überbringer der Schicksalsnachrichten sind Engel. Die Engel sind nackt, sie tragen Wahrhaftigkeit statt nur religiöser Symbolik, erscheinen jedoch andererseits wie Maschinen.

Der Protagonist des ersten Teils versucht den Dämonen zu entkommen, die ihn martern und in die Hölle führen sollen. Während an seinem Vorgesetzten demonstriert wird, was die Hölle bedeutet, indem ihm von den Dämonen die Haut abgezogen wird – die Dämonen zeigen sich sadistisch und nicht rein professionell, ist das eine Notwendigkeit, die die Dämonen als Gegenpol und doch Mitarbeiter der Engel ausmacht? Jedenfalls weist ein Engel nach dem Kundtun sadistischer Häme eines Dämons dem Protagonisten eine Fluchtmöglichkeit. Er führt nun ein Leben in der Kanalisation, geplagt von Albträumen, in Angst, erfolgt. „Diese Angst ist so quälend wie die Hölle selbst“. Tatsächlich macht es nichts aus. Doch er akzeptiert es, er gibt vor, eine freie Entscheidung gehabt zu haben, der folgend es ihm nun zugestanden ist zu leben, auch wenn er unter höchster Bedrohung sich zu der Flucht entschieden hat, die direkte Konfrontation war unvermeidlich – wie später auch im zweiten Teil. Jahre, erzählt er, verbringt er auf der Flucht. Man erhält das Gefühl, er führt den kalten Büroalltag in einem kalten höllenartigen Fluchtalltag fort, bloß jagt er Ratten statt Papiere.

Die Protagonistin des zweiten Teils mit ihrem reichen Leben erhält mehr Zeit zwischen Verkündigung und geplantem Zustandekommen ihres Todes. Sie hat Zeit ihr Leben „zu ordnen“. Sie akzeptiert zunächst ihr Schicksal, wie es sich gehört, eröffnet dem Zuschauer ihre Kenntnisse vom Himmel. Der Himmel, das ist die Gottesschau, die Gott als ein leeres Konzept ermöglicht, wie es auch für uns möglich ist, das ist der Tod, wie er eine wahre Angst ermöglicht, die der Protagonistin begegnet. Der Himmel ist frei von Person, sogar frei von Bewusstsein und Schmerz, was identisch ist – sie hatte sich gefragt, „wie man bei vollem Bewusstsein den Schmerz vermeiden kann“ – der Schmerz ist immanent, nicht nur Angelegenheit der Hölle. Nachdem sie noch der sich alltäglich verhaltenden, die Annahme des Loses empfehlende Mutter begegnet ist, trifft sie ihren Verlobten, der einige Emotionen von sich gibt, eine gemeinsame Flucht vorschlägt. Schockiert ist sie, wie er das Heil ihrer beider in Gefahr bringt, wendet sich ab, doch kommt schließlich selbst dazu: Sie wolle sich erinnern, lieben, weinen, streiten, Angst haben, „wahres Glück“ nennt sie es, doch andererseits sieht sie: Auch ihr Leben ist im Grunde leer, es gibt nichts zu ordnen. Die Mutter scheint ihr abzuraten, tötet sich dann jedoch selbst und hinterlässt eine Nachricht: Sie habe darin die einzige Möglichkeit gesehen, ihr eine freie Entscheidung zu ermöglichen, zu fliehen, frei von Gedanken an das Wohl der Mutter. Die einzig mögliche „freie“ Entscheidung ist die zur Flucht. Die Idee, die vorher schon begann, die Protagonistin „zu beherrschen“, das ist die Freiheit, die so sehr im Vordergrund steht. Genauso wenig wert wie das Familiäre, das im Streit beendet wurde, von Erwartungen durchsetzt. Nun will sie tatsächlich fliehen, nur noch kurze Zeit verbleibend, läuft zu ihrem Verlobten, der ihres Todes sicher bereits für die Anwesenheit einer neuen Sexualpartnerin Sorge getragen hat. So wird ein weiterer verherrlichter Aspekt der menschlichen Welt wertlos, der der Liebe. Doch macht dies nicht etwa den Himmel doch erstrebenswert, er bleibt ein Unsinn, an seine Stelle tritt das Erbrennen des Lebens, die leidenschaftliche Tötung mit der Schere, das Feuer kann direkt in der Hölle fortgesetzt werden. Nichts bleibt von Sozialem, von Persönlichem, von Menschlichem, von Himmlischem, von Höllischen.

Leider konnte der Film zumindest mich nicht emotional erreichen, Angst, Trauer oder Verstörung kamen nicht bei mir an, was verhinderte, ihn zu einem unglaublichen Erlebnis zu machen. Ansonsten bietet er aber doch etwas.

Der Film bei Youtube
Programmeintrag mit Zusammenfassung bei Arte
Eintrag in der IMDB

Road to Perdition

Sunday, May 27th, 2012

Wer ist dieser Protagonist? Bürgerlich lebender Familienvater, Killer, dem lokalen Mafia-Boss näherstehend als sein eigener Sohn, aber damit betraut, in etwaigen Etablissements Schulden einzutreiben. Lässt man diese nebensächliche Unsinnigkeit seiner Rolle in dem Unternehmen beiseite, tritt aber noch Schlimmeres zutage: Was ist seine Motivation? Wieso rächt er sich? Ein bürgerlicher, vernünftig denkender, gefasster Mann, entschlossen, so zu handeln, wie es die Situation verlangt. Aber als seine Frau und sein einer Sohn sterben, besteht er darauf, einen Privatkrieg zu führen. Er ist kein Mundharmonika und kein Sasori, deren Person gänzlich in der Rache erblüht, und die gänzlich gefasst sind. Er ist kein schnöder klassischer Held, der unausweichlich, als Element des Rahmenwerks, eine alte Rechnung zu begleichen hat. Für nihilistische Interpretation besteht erst Recht keine Möglichkeit. Nicht einmal wird die Rache relativ unverhohlen vorgeschoben, um unsinnige Ausartungen von Gewalt in eine Story zu packen. Nein, die Story sollte wohl einfach so sein, weil es ganz nett erschien. Er tötet also sinnloserweise eine ganze Menge Leute, ohne dass die Sinnlosigkeit ihm irgendwie gut stehen würde, ohne dass er Hass tragen würde, selbst seinen geliebten Boss, trotzdem ihm so manches gutes Angebot gemacht worden ist, das ihm als verantwortungsvoller Familienvater gut hätte gefallen sollen. Eine vielschichtige, nicht so leicht zu durchdringende Person, wie ich es versuche? Nein, das kommt nicht herüber.

Was ist sonst noch mies an diesem Film? Ein unfähiger Killer, der als „Spezialist“ bezeichnet wird. Ist er spezialisiert auf Morde an ganz speziellen Leuten? Oder eigentlich nur Spezialist mit seiner Kamera und der Bildinszenierung? Haben die Auftraggeber sich verwählt und den Mann irrtümlicherweise für den Spezialisten, den sie meinten, gehalten? Man weiß es nicht, aber viel bessere Erklärungen fallen einem nicht ein bei einer unachtsamen Plaudertüte, die versehentlich die Person im Nebenraum erschießt und später dann von seinem Opfer noch Minuten, nachdem sie es getroffen hat, zur Strecke gebracht wird. Unfähige Leibwächter, die auch im Schussfeld einer Schnellfeuerwaffe ruhig stehen bleiben und mit ihren Pistölchen ins Leere schießen. Geld von Al Capone, das man sich einfach nur abzuholen braucht. Die inszenierte Verdammnis durch den wartenden Spezialisten – hat er gewartet, wieso läuft dann der süße Hund noch herum, und er hat das lange gemacht? Er wurde gerade erst dorthin gewiesen? Wieso denn, als die Sachen bereinigt waren? Kein Einblick in etwaige weitere Strukturen, die dies bedingten, aber auch kein Rätsel. Ein wenig moralisches Geschwätz, der Junge, der mit seinem Vater unterwegs war, hat nie wieder eine Waffe angefasst, der Vater wollte nicht, dass er wird wie er. Uninteressant.

Gestalterisch hat der Film auch nichts Besonderes zu bieten, nichts von irgendeinem künstlerischen Wert. Ein paar hübsche Autos, wie es sich für 1931 gehört und ein wenig genretypische Anzüge, das wars. Kurz um: Was soll das?

Proseminar: Computing Maximal Independent Sets an a PRAM

Sunday, February 26th, 2012

Last year I had a proseminar at university and I do not want the stuff to moulder on my hard drive. It was about randomised algorithms and I had to write about ways to compute maximal independent sets in parallel. The considerations are primarily theoretically, proving runtime complexities on abstract parallel machines—we do not have a problem with using polynomially many cores for a trivial task (we simply have to choose anything that fits) which would in practice be more difficult to distribute to the nodes than computing it sequentially—but it might be interesting to see how randomisation can guarantee uncoupling between different processes resulting in a better runtime complexity, I enjoyed it. What is a maximal independent set? Given a graph it is a subset of the vertices of the graph being both independent and dominating, no two of its members are adjacent, but every other vertex is adjacent to a member of the set—not to be confused with maximum independent sets being maximal independent sets of maximal cardinality, computing maximum independent sets is NP hard. If anybody is interested in a German explanation of randomised parallel computation of maximal independent sets not requiring specific knowledge about the theory parallel or randomised algorithms, here you go (slides).

Barfüßigkeit in den Pinakotheken

Wednesday, September 28th, 2011

Ein Erlebnis, von dem ich bislang hier noch nicht erzählt habe (eines von vielen): Vor einigen Wochen stattete ich der Pinakothek der Moderne in München einen Besuch ab. Neben kräftiger BMW-Werbung gab es wirklich großartige Werke zu sehen, von Dalí, Beuys und vielen anderen. Fotos durften gemacht werden und es war einfach ein schöner Besuch. Wie es mir beliebte, war ich barfuß unterwegs, und als ich mit dem Gedanken spielte, das Museum zu verlassen oder noch einen Teil zu erkunden, und hierzu ins Foyer zurück geschritten war, sprach mich doch tatsächlich eine Angestellte des Museums an, ich könne mich nicht ohne Schuhen in ihren Räumlichkeiten aufhalten. Sie fragte nach dem Aufenthaltsort meiner Schuhe – Garderobe/Rucksack – ich möge sie doch bitte anlegen, so sei die Hausordnung. Auch hielt sie sich nicht damit zurück, mit dem Kontaktieren des Sicherheitspersonals zu drohen. Da ich mir dachte, wie blödsinnig dies ist, wollte ich doch interessehalber diese Hausordnung auch einmal sehen, geht ja nicht an, dass man sich vage auf irgendein Dokument beruft und nichts vorzuweisen hat, zudem hatte ich mich in einer ähnlichen Situation schon einmal abwimmeln lassen – dies sollte sich nicht wiederholen. Sie reagierte gereizt und beleidigt, ich würde ihr nicht glauben, in der Tat hatte ich meine Zweifel, was da in der Hausordnung bitte stehen sollte, doch meine Motivation war mein Interesse.

Ganz ohne den Sicherheitsdienst zu kontaktieren ging sie dann doch zum Thresen und suchte nach der Hausordnung, fragte Kolleginnen nach dem Aufenthaltsort ihrer und rufte sogar an anderer Stelle an. Die Forderung nach Einsicht schien wohl doch nicht völlig unberechtigt. Während dessen redeten sowohl sie als auch eine andere Angestellte auf mich ein, wieso ich ihr denn nicht glaube, obwohl sie so lange schon dort arbeite (die eine), und dass man schließlich nicht wolle, dass das Museum zu einer Art Badewiese verkomme (die andere, wenn ich mich recht entsinne). Schließlich wurde die Hausordnung doch in einem Papierstoß ausfindig gemacht, und ich staunte nicht schlecht: Es wurde tatsächlich in einem Abschnitt konstatiert, dass das Betreten sowohl mit Rollschuhen als auch ohne Schuhe „(‚barfuß‘)“ nicht gestattet sei. So verließ ich verwundert und noch immer barfüßig das Gebäude und wurde noch von hinten als Querulant beschuldigt, da ich nunmal Interesse gezeigt habe.

In einem Satz mit Rollschuhen? Geht es um eine vermeintlich erhöhte Rutschgefährdung, durch die empfindliche Kunstwerke, wie etwa geklebte, frei im Raum stehende Schnüre bedroht werden könnten? Bei den genervten Angestellten war keine Nachfrage mehr möglich, doch die Antwort eines Herrn Regierungsdirektors auf meine EMail-Anfrage brachte dann zum Vorschein:

Als Museen von Weltrang sind wir der Kunst und Ästhetik in besonderer Weise verpflichtet und haben deshalb in unserer Hausordnung die Erwartungshaltung festgeschrieben, dass unsere Besucher der Kunst in üblicher Bekleidung gegenübertreten, wozu nach unserer Auffassung auch Schuhe gehören.

Wunderbar, ich dachte zumindest die Pinakothek der Moderne hätte sich der Kunst verschrieben, und nicht bürgerlicher Selbstdarstellung. Tja, was soll man machen, künftig heißt es dann wohl Waschlappen um die Füße binden. Frei Kunst und freies Denken! Jaja… Das erklärt jedenfalls, wenn keine Kunst in Moscheen aufgehängt wird, wäre ja respektlos, und so mancher Orden hat wohl kollektives Hausverbot in den Pinakotheken.

Das Schand-Urteil

Saturday, August 6th, 2011

Wer es noch nicht gehört hat: Vorgestern ereignete sich zumindest mal eines der Dinge von politischer Relevanz, die eine Selbstverständlichkeit sein sollten: Magnus Gäfgen erhielt vom Landgericht Frankfurt eine Entschädigung zugesprochen – für die Androhung von Folter seitens hochrangiger Polizeibeamter. Nachvollziehbar mag es sein, dass kein Schmerzensgeld zugesprochen wurde, wenn eine nachhaltige psychische Belastung durch diese Androhung als sehr unwahrscheinlich angesehen wird. Zu einer Befangenheit der Richter und die Verhinderung der Vorbringung weiterer Hinweise, die dazu geführt haben mögen, mag ich nichts sagen, doch zumindest eine solche Entschädigung ist und bleibt selbstverständlich.

Doch was prangen die Ausrufezeichen der Empörung in der auflagenstärksten Tageszeitung außerhalb Japans? Ein „Schand-Urteil“ nennt die Bild diese Entscheidung, nachdem sie am Vortag auf der Titelseite den Richter darum „gebeten“ haben, die Gewährung gewisser Rechte gegenüber Herrn Gäfgen zu „verhindern“. „Das Schand-Urteil, über das Deutschland diskutiert“ erhält die Titelseite und die mit Niveaulosigkeit gefüllte zwölfte Seite, von der Bild allerdings wird das Urteil nicht „diskutiert“. Es wird schlichtweg als „Skandal“ und „kaum zu verstehen“ beschrieben. Ein paar menschenverachtende Statements aus der Politik werden zitiert, die Bild selbst übertrifft jedoch alles: „Die Folterdrohung sei ‚verwerflich‘ und eine schwere Verletzung der ‚Menschenwürde‘ Gäfgens.“ Man möchte in der indirekten Rede das Wort „Menschenwürde“ nicht ohne Anführungszeichen verwenden, der Nebenklang, diese sei Gäfgen nicht zuzustehen, könnte stärker kaum sein. Die sonstigen Highlights: „Richter Christoph Hefter (52) ist selbst Vater von drei Kindern“, natürlich, darum geht es, Mitgefühl mit den Kindern, nein, liebe Bild, darum geht es nicht, es geht um Folter! Gäfgen sei „arrogant“, wo immer er auftrete, obgleich sein Selbstbild zusammengestürzt sei, und er habe den Mord „eiskalt“ aus „Geldgier“ begangen, dass Geldgier ein gesellschaftliches Phänomen ist – davon spricht niemand. Man schließt mit den Worten: „Das Land Hessen prüft, ob es gegen das Urteil in Berufung geht.“ Man wollte nicht mit einer weiteren „Empörung“ abschließen, sondern mit etwas „Positivem“, den edlen Aktionen des CDU-geführten Bundeslandes Hessen. Dass auch die andere Seite noch etwas einzuwenden hat, wird ignoriert. Der damalige stellvertretende Polizeipräsident „riskierte“ laut Bild heldenhaft „seine Karriere“, was jedoch angesichts der zu ihm stehenden Gerichte und seines zu ihm stehenden Arbeitgebers, des Landes Hessen, unwahrscheinlich ist.

Wunderbare Aussagen von allen rechtspopulistischen Seiten, die ein C als ersten und ein U als letzten Buchstaben haben, finden sich gleich im Anschluss: Gewohnt menschenverachtend gibt der Innenminister Joachim Herrmann (CSU) seine Worte von sich: „Für mich ist dieses Urteil eine unerträgliche Perversion des Rechtsstaates. Folter ist verboten, aber kein Anlass, den Mörder zm Opfer zu erklären.“ Ein Folteropfer ist ein Folteropfer, was versteht er nicht? Gäfgen ist Opfer. Und Täter in einem anderen Fall. Opfer und Täter zu sein, ist geradezu eine Alltäglichkeit. Doch andere klingen noch dümmer mit weniger emotionalen Ausdrücken: „Dass hier ein Mörder eine Entschädigung bekommt, ist für mich völlig unverständlich“ (Wolfgang Bosbach von der CDU), „Die Entscheidung ist nur schwer nachvollziehbar“ (Boris Rhein, ebenfalls CDU), laut der Süddeutschen Zeitung hält der Katholik Veit Schiemann vom Weißen Ring das Urteil für „nicht nachvollziehbar“. Es stellt sich für mich die Frage, wie schwierig das egtl. sein kann, dies nachzuvollziehen? Benötigen sie vllt. einen Theorembeweiser? Ich möchte Isabelle empfehlen, es ist Freie Software, und ich bin davon überzeugt, dass es die Notwendigkeit einer Verurteilung in Kürze ableiten könnte (Folterandrohung, solche ist verboten, Opfern steht Entschädigung zu, man wende den Modus Ponens an). Ebenso sollte Isabelle kein Problem damit haben, das Falsum aus der absurden Forderung Volker Kauders (ebenfalls CDU) abzuleiten: „Wir sollten das Opferanspruchssicherungsgesetz ändern, damit auch Schmerzensgeldansprüche von Tätern an die Opfer oder ihre Angehörigen übergehen können.“ Interessantes Konzept. Ich würde es auch auf Rachetaten anwenden: Der Rächer als Angehöriger des ursprünglichen Opfers erhält das Schmerzensgeld zurück, das er seinem Opfer leisten musste. Es widerspricht einfach dem Konzept einer Entschädigung. Friedrich von Metzler, der Vater des ermordeten Jungen, bezeichnet sich in der Bild als „empört“ und zeigt Verständnis mit den Polizisten, die Folter angedroht haben, schön, dass er Verständnis gegenüber solchen Verletzungen der Menschenwürde zeigt, ist es Vergeltungsmentalität? Bosbach lässt zudem verlautbaren: „Die Gefahr wurde vom Täter selbst heraufbeschworen.“ Mit „Täter“ meint er in diesem Fall das Folteropfer Gäfgen, das nun also selber die „Schuld“ tragen soll an dem an ihm begangenen Unrecht.

Kleines, amüsantes Intermezzo: Laut dem Gericht, habe Gäfgen beim Prädikat „mit zwei großen schwarzen Negern in eine Zelle stecken“ etwas „missverstanden“, ich frage mich, wie das funktionieren soll: Entweder dieser Spruch wurde tatsächlich so ähnlich geäußert, oder Gäfgen lügt schlichtweg.

Die Süddeutsche Zeitung zeigt sich nun auch einmal von ihrer ultra-rechten Seite, erstaunlicherweise von einem als liberal betitulierten Heribert Prantel – vllt. der einzige Redakteur dieser Zeitung, der mir namentlich in Erinnerung war. Er geht mit dem Dualismus hausieren, „das Urteil ist richtig, aber trotzdem falsch“. Man schaffe damit eine falsche Genugtuung für Gäfgen, es sei ein Hohn gegenüber dem Opfer. Es mag wohl sein, dass dies nicht nach Reue oder einem sympathischen Mörder aussieht, aber diese Situation hat sich die Justiz selbst zuzuschreiben: Sie hätte von vorne herein Konsequenzen aus der Folterandrohung ziehen können, statt dessen hat man Gäfgen einen fairen Prozess verweigert, und es bedurfte erst des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, um eine weitere Berücksichtigung der Folterandrohung zu erzwingen, die deutsche Justiz hatte dies selbstständig nicht hinbekommen. Prantels Bemerkung, es sei dem Recht genüge getan durch die Verurteilung der Polizisten, muss als lächerlich abgetan werden: Bewährungsstrafen, keine einzige persönliche Konsequenz. Sie wurden nicht einmal entlassen, wie es bei solch einem schweren Dienstvergehen selbstverständlich sein sollte – selbst ein Betrüger wie Guttenberg hat das geschafft, sogar ohne Gerichtsurteil. Nach solchen nicht zufriedenstellenden Vorgängen ist es nur verständlich, dass Gäfgen fortfährt. Zudem: Was sollte er sich von einer demütigen Haltung erhoffen? Auf ihn wartet doch nur die lebenslange Sicherungsverwahrung, Reue wäre da wirklich „unökonomisch“. Laut Bild endete der Rechtsstreit jedoch nun „mit einem Erfolg für den Kindermörder“ – wohl ein kleiner Erfolg, und den hat er nicht als Kindermörder, sondern als Folteropfer errungen.

Zu Prantels Dualismus: Es scheint verbreitet zu sein, zu sagen, die Paragraphen seien stur, aber korrekt angewendet worden zu sein und – ob man dies für falsch hält, oder eine Beugung des Rechtsstaates für verwerflicher hält – es bestehe eine Diskrepanz zwischen dem Recht und der Moral. Zwischen Recht und Moral besteht eine tiefe Diskrepanz, oh ja, es sind grundverschiedene Kategorien und das Gesetz ist ein aus pragmatischen Gründen eingeführtes Übel. Aber in diesem Fall geht es nicht um den Rechtsstaat, es geht um die Menschenwürde. Die Straßenverkehrsordnung ist absolut und generell formuliert, um eine relativ einfache Regelung benutzen zu können, aus pragmatischen Gründen. Doch die Menschenrechte sind nicht aus Pragmatismus sondern aus Idealismus heraus absolut. „Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden“ – dies ist ein moralisches Urteil und kein Verwaltungsinstrument. Wer in diesem Fall von Unmoral spricht, der stellt die Menschenwürde in Frage, stellt evtl. einen menschenverachtenden Utilitarismus auf. Wie nett, dass die SZ zeitgleich kritisch über Rechtspopulismus berichtet.

PS:
Ja, ich habe mir eine Bild besorgt. ;) Ich fand das zu interessant.

PPS:
Zur Bild-Berichterstattung siehe auch hier.

Der RSB zu „Internet, Software und Revolution“ und dem Fall Guttenberg

Wednesday, June 1st, 2011

Der Revolutionär Sozialistische Bund/ⅠⅤ. Internationale schrieb vor einem Monat über „Internet, Software und Revolution“ und ging dabei insbesondere auch auf Freie Software sowie als Aufhänger die Plagiats-Affäre Karl-Theodor zu Guttenbergs ein. Unbezweifelbar der Vorteil des Internets, das schnelle Kooperation und dank zumindest teilweise vorhandenen offenen, indizierten Informationsquellen eine effiziente Arbeit ermöglichte. Letzteres ist natürlich leider nur teilweise gegeben, Google Books und SpringerLink stellen nicht gerade ein Non-Plus-Ultra dar, und sollten wissenschaftliche Werke egtl. im Sinne der Allgemeinheit geschaffen werden, was dank staatlicher Vorfinanzierung im akademischen Bereich relativ bequem mäglich wäre.

Weiter im Text: Der RSB kritisiert die Kritik an der Kritik an Guttenbergs Plagiarismus,

Letzten Endes lief diese ganze Kritik darauf hinaus, dass Guttenberg sich nicht den bürgerlichen Eigentumsverhältnissen unterworfen hat, bzw. deren in die Welt der Wissenschaft gedachter Verlängerungslinie. Natürlich ist es zynisch, wenn ein Multi-Millionär, dessen ganzes Eigentum auf eben diesen Verhältnissen beruht, sie genau in dem Moment bricht, wo es seinem egoistischen Privatinteresse dient.

Abgesehen vom Wahrheitsgehalt des herausgestellten Zynismusses, denke ich, dass doch noch einiges unabhängig von (urheber-)rechtlichen Erwägungen für eine moralische Verurteilung dieses Plagiarismus steht:

  • Der RSB stellt als Gegenmodell Freie Lizenzierung wie etwa in der Wikipedia dar. Nun ist aber die Wikipedia etwas gänzlich anderes als eine Dissertation, erstere besteht aus Tertiärtexten, zweitere ist ein Primärtext. Hier gilt es weiter zu unterscheiden.
  • Eine Doktorarbeit soll nicht eine umfassende Erläuterung bekannter Sachverhalte sein, sondern primär die neuen Forschungsergebnisse eines (angehenden) Wissenschaftlers (oder Politikers, der sich etwas darauf einbilden will) darstellen. Die „Redundanz“ die ein Plagiat mit dem Original aufweist, ist hier nicht von Nöten, gefragt sind nur die neuen Ergebnisse, deren Vorstellung mit je nach Disziplin mehr oder weniger Zitaten besser durchgeführt werden kann.
  • Zudem geht es um den Nachweis einer persönlichen Forschungsleistung, Guttenberg hat hier einmal mehr mit Unehrlichkeit geglänzt (man erinnere sich an den Vorfall mit dem Tankwagen).
  • Man mag das ganze System von akademischen Graden und persönlicher Leistung in Frage stellen, dennoch (ob es dem RSB passt oder nicht): Es wird Menschen immer auch um Selbstverwirklichung, um Individualismus gehen, und das ist gut so, zudem sollte eine Forschungsleistung auch auf den (die) Urheber zurückzuführen sein. Somit lässt sich auch Selbstdarstellung nicht vermeiden, und der Plagiarismus bleibt ein Beschmücken mit fremden Federn, niederträchtige Lüge.

Ich denke nicht, dass die meisten Menschen ihre Kritik aus den „bürgerlichen Eigentumsverhältnissen“ heraus motivierten, sondern schlichtweg die Unehrlichkeit des Ministers zu Tage treten sahen, und diese moralisch verurteilten.

Im Folgenden wird die Absurdität des Eigentumsprinzip für Wort und Software eindrücklich dargestellt, man ist weg vom Aufhänger Guttenberg. Interessant ist dann der Übergang zum Thema „Revolution“, wie es der Titel verspricht. Ich zitiere einen hervorstechenden Satz:

Die Unverträglichkeit von Autoritarismus und Internet zeigte sich daran, dass die Diktaturen in ihren letzten Tagen das Internet schlicht abschalten ließen. Wenn sich bereits so etwas wie facebook für eine Umwälzung nutzen lässt, dann können wir nur erahnen, in welchem Umfang sich Plattformen nutzen ließen, die von vornherein für hierarchiefreie Kommunikation gemacht sind.

Ich stimme gänzlich zu, dass sich dadurch neue Möglichkeiten schaffen lassen, in demokratischer Kontrolle, demokratischer Entscheidungsfindung – wirtschaftlich und politisch –, wie sie in einer weniger technisierten Welt kaum möglich erschienten. Konstituierender Bestandteil dabei sollte die Freiheit sein, Freie Software, Freies Wissen, ich empfehle das Lesen des Artikels.

Rainer Erlinger und absolute Moral

Sunday, May 29th, 2011

Gleichwohl die moralischen Ausführungen eines gewissen Herrn Rainer Erlingers in der Sonntaz vergangener Woche praktischer Natur waren, klang auch einmal die grundsätzliche Frage nach der Kulturabhängigkeit von Moral an, wobei er jene allerdings relativiert hat, „die Würde des Menschen“ sei für ihn „nicht verhandelbar“. Doch: Es sollte festgehalten werden, dass Moral sich immer aus Gepflogenheiten ergibt und keineswegs eine moralische Bewertung absolute Wahrheit sein kann, sei es auch die Menschenwürde, sie entsteht aus subjektiven Gefühlen, Idealen oder Pragmatismus. Wer dagegen eine Moral setzen will, bedarf eines Dogmas oder einer zweifelhaften Gotteslehre. Wohl auch dafür – die absolute Legitimation von Handlungen – wurden Gotteskulte aufrechterhalten.
Gleichwohl kann man Ideale wie die Menschenwürde an oberste Stelle für nicht verhandelbar erklären, was sinnvoll ist, weil dies gerade einen Wert, einen Sinn schafft – sei es aus ästhetischen oder pragmatischen Gründen (wie etwa dem guten Zusammenleben). Dabei muss man sich des Relativismus aber bewusst bleiben. Im Grunde kann man sich nicht anmaßen, einen Mörder moralisch zu verurteilen, die juristische Verurteilung ist jedoch Notwendigkeit für das Zusammenleben. Aus der eigenen Moral heraus zu verurteilen bleibt der Mord, den er durchgeführt hat, als Gräueltat, nicht aber der Täter als Gräuel, denn dieser konnte nicht anders, es entsprach womöglich sogar seiner Moral. Es gab für ihn nur eine Möglichkeit, das war die Wirklichkeit, das war die Tat. Niemand kann sich anmaßen, jemand könne etwas anderes tun, als das, das faktisch ist, faktisch getan wird.
Ein grundsätzliches kritisches Hinterfragen der Moral ist von Bedeutung, man kann dennoch umso entschiedener für seine Werte eintreten und sie leben – gerade zum Wohle der Gemeinschaft. Herr Erlinger ist in dem taz-Interview als Moralapostel aufgetreten – sicherlich nicht als Moralphilosoph, was er – am Rande bemerkt – auch nicht ist.

Es ist weg

Tuesday, May 3rd, 2011

Oh, wie kahl sieht doch diese Fläche aus!

Leere Fläche unter dem Eisengießer

Öd und kahl


Ist das nicht eine Platzverschwendung? War die Welt zu eng für eine Botschaft, die sich nur auf sich selbst bezieht? Wirklich, diese kahle Fläche hat mich irritiert, als ich sie erblickte. Und der Eisengießer mit seiner Zange schlägt oben drauf, der Triumph der Arbeit über die Kunst, sozialistischer oder kapitalistischer Realismus? Wen interessierts…
Triumphierender Eisengießer

Der Triumph des Eisengießers

In den Niederungen des Fernsehens: Mein Revier

Saturday, April 16th, 2011

Ja, ich habe mich in die Niederungen des deutschen Fernsehens begeben – des deutschen Privatfernsehens. Auf Kabel 1 gibt es die famose Sendung Mein Revier – Ordnungshüter räumen auf. Eigentlich könnte einem ja klar sein, dass da nichts Großartiges, Interessantes, Künstlerisches, Bildendes oder Aufregendes läuft. Aber etwas ist mir doch aufgestoßen: Es ging um Zöllner an einem Flughafen, die auf der Jagd nach zu vielen Zigaretten waren. Ein Iraker in Begleitung einer Frau und eines weiteren Mannes kommen an und in seinem Gepäck finden sich drei Stangen Zigaretten, so viele, wie auch drei Personen für den Eigenbedarf mitführen dürfen. Der Mann ist sich dieser Regelung aber nicht bewusst und antwortet auf die Frage der Zöllner ehrlich, dass er der einzige Raucher in der Gruppe sei. Nun soll er 38ct pro Zigarette bezahlen (die kosten doch schon im Handel nur die Hälfte), der Kommentator arbeitet heraus, wie großartig und überlegen die Zöllner sind, es gibt kein Entrinnen, Unwissenheit schützt vor Strafe nicht, wie konnte er nur das Schild nicht beachten, die absurde Regelung (hätten die nachher kontrolliert, dass keiner in die Schachtel des anderen greift?), die mit einer kleinen Lüge hätte umgangen werden können, muss eingehalten werden. Bestraft wird die Ehrlichkeit, aber darauf geht der Kommentator nicht ein, die Aufregung des Irakers ist völlig unverständlich, und nun kommts: Kommentator und Zöllner haben einen Verdacht: Der Mann – aus dem arabischen Raum – will sein Gesicht waren, da der Zöllner eine Zöllnerin ist, die Araber sind das ja nicht gewohnt, von einer Frau zurechtgewiesen zu werden, bei einem Mann hätte er wohl schon längst bezahlt. Aha, die Iraker und überhaupt die Araber sind eben alle frauenfeindlich, nur wenn ein Deutscher sich aufregt, dann ist das gerecht. Anschließend gabs auch noch eins drauf für die hinterhältigen Polen, die nicht alle deutschen Ansagen des Verkehrspolizisten nicht verstehen wollen, die stellen sich natürlich nur blöd, ist klar. Danke, Kabel 1, für dieses Glanzstück des Infotainments!