Archive for the ‘Physics’ Category

Numerologie bei Volkmar Weiss

Sunday, July 8th, 2012

Bei Volkmar Weiss, bekannt als „Intelligenz-Forscher“, der Intelligenz als verankert in Klassen und „Rassen“ sieht, Eugeniker, von dem auch Thilo Sarrazin einiges übernommen hat (siehe etwa hier und hier), finden sich anscheinend auch außerhalb vom Themengebiet Intelligenz-Vererbung-Politik-Gesellschaft bemerkenswerte Ansichten: In Grundlagenfragen von Physik und Mathematik beweist er eine Denkweise, die mit einem kritischen, rationalen, wissenschaftlichen Geist unvereinbar zu sein scheint. Bezeichnend für diese Denkweise ist die Numerologie, die Zahlenmystik.

Rezeption durch Weiss

Zunächst einmal weisen seine Stellungnahmen Bezüge zu einigen mehr oder weniger wohlbekannten Cranks auf. Allen voran: Peter Plichta. Dieser deutsche Chemiker stellt die gesamte moderne Physik infrage, Relativitätstheorie und Quantenmechanik sind für ihn Unsinn. Was stellt er an ihre Stelle? Ein numerologisches Konstrukt vom Feinsten – das sogenannte Primzahlkreuz. In einer lustigen Anordnung der Primzahlen, der \(-1\) und der \(1\) meint er, alle Welträtsel gelöst zu haben. Seine „Theorie“, oder nennen wir es lieber seine Gedankenwelt, sei „mathematisch bewiesen“, was für eine die Beobachtung beschreibende Theorie unmöglich ist, denn diese kann stets widersprechen. Hermetische und zugleich lächerliche Formulierungen vom „komplexen \(cm^4\)-Raum“ und das Umdrehen von Ziffern gehören auch zu seinem argumentatorischen Repertoire. Die moderne Physik, die nunmal kompliziert ist, soll durch banale Zahlenmystik ersetzt werden. So viel zu ihm. Und was ist dieser Mann für Volkmar Weiss? Ein Revolutionär (1, 2, 3, 4), auf dessen Geschwurbel für ihn wohl die gesamte zukünftige Wissenschaft aufbauen sollte.

Volkmar Weiss gesteht formale Mängel in Plichtas Werk ein und versucht damit die fehlende wissenschaftliche Rezeption dieser Lächerlichkeiten zu erklären, obwohl sie eben enorm gehaltvoll seien. Andere hätten diese Mängel angeblich behoben, wie etwa Jan C. A. Boeyens, ein durchaus anerkannter Chemiker, der allerdings im Alter wohl am „Pauling-Syndrom“ erkrankte und sein Cranktum begann. In der Tat hat er es – wohl mit seinem Ruf – geschafft, sein Zeug bei Springer unterzubringen, in dem er auch Plichta referenziert. Er ist nicht ganz so krass wie Plichta, die typischen Merkmale von Zahlenmystik und Cranktum sind jedoch auch bei ihm ausgeprägt. Von einer nun erfolgten wissenschaftlichen Weiterentwicklung kann also keine Rede sein. (Siehe 1, 2 und auch diesen Wikipedia-Edit, gut möglich, dass er auch von Weiss, einem Ex-Wikipedia-Autor stammt.)

Auch die Werke eines gewissen Adri de Groot (1) und eines Reinhard Köcher (1, 2) werden von Weiss ernstgenommen. Zum wissenschaftlichen Gehalt bei diesen beiden Persönlichkeiten muss man wohl nach Lesen der Buchtitel nicht mehr viel sagen.

Der wohl prominenteste Crank, auf den Weiss Bezug nimmt (1, 2), ist Stephen Wolfram. Bekannt als Unternehmer im Bereich mathematischer Software (→Mathematica, das Unternehmen Wolfram), hat auch er in den letzten Jahren gewisse eigenwillige Theorien entwickelt, die er etwa in seinem Buch A New Kind of Science darlegt – zurückzuführen wohl auf Überschätzung seiner selbst und auf Überschätzung seines ursprünglichen Forschungsgebiets, den zelluären Automaten. Auch er will einfache Antworten auf komplizierte Fragen und ignoriert bisherige physikalische Erkenntnisse. Gemein ist wohl all diesen Leuten, dass ihnen die heutige Physik und die Mathematik dahinter zu kompliziert sind und sie ihrer Ansicht nach völlig ersetzt werden müssen. Mit umfassenden Erklärungen für Beobachtungen oder gut verifizierte Theorien können sie natürlich nicht aufwarten, an ihre Stelle treten Glaube und in größerem oder kleinerem Umfang fundamentale wissenschaftliche Fehler.

Weiss’ eigenes Werk

War der Mann vllt. nur geblendet von ein paar schönen Formulierungen und hat die Numerologie dahinter übersehen? Abgesehen davon, dass diese Erklärung mit dem Umfang seiner Rezeption solcher Autoren kaum kompatibel wäre, sieht es in seinen eigenen Werken nicht besser aus. Auch er schreibt nämlich zu naturwissenschaftlichen Grundlagen, und auch wenn er behauptet, formale Mängel bei Plichta erkannt zu haben, sieht es in seinem Werk kaum besser aus. In der vielleicht unseriösesten Zeitschrift mit Peer Review Chaos, Solitons and Fractals (siehe hier für eine nette Bezugnahme auf diese Lage) – dank Elesevier-Paketen vielfach abonniert – hat er etwa einen sehr eindeutigen Artikel veröffentlicht. Man beachte seine Warnung:

Vorsicht, nicht verständlich ohne sehr spezielle Vorbildung in Informationstheorie, Statistischer Mechanik, Psychophysiologie und Neuropsychologie:

Um all die tollen Fachbegriffe zu verstehen, die er dort benutzt, benötigt man solche Kenntnisse wohl tatsächlich. Die Unwissenschaftlichkeit ist dagegen für jeden Laien mit ein wenig Bezug zur Naturwissenschaft, der nicht gerade Peer Reviewer bei Chaos, Solitons and Fractals ist, offensichtlich (man muss nur den Wust von Fachbegriffen übergehen):

In this system of present-day constants the Planck length has the value \(1.6160\cdot 10^{-35} \mathrm{m}\) (standard uncertainty \(0.0012\cdot 10^{-35} \mathrm{m}\)). If we fix instead the Planck length at the value of the golden mean at \(1.6180\cdot 10^{-35} \mathrm{m}\) and recalculate consequently all other physical variables, this means for the numerical size of the second only a trivial correction not relevant for our argument.

Das ist Zahlenmystik von Plichta’scher Größe! Man schaut sich eine Naturkonstante in SI-Einheiten an und findet eine, deren numerischer Wert so ähnlich aussieht wie der goldene Schnitt, ein großartiger Beleg. Nicht nur werden die völlig beliebigen, physikalisch bedeutungslosen SI-Einheiten vorausgesetzt, nein, auch von der Darstellung im Dezimalsystem hängt dieses Argument ab. Wechselt man das Einheitensystem oder das Zahlensystem, was physikalisch keinen Unterschied machen sollte, verschwindet der Zusammenhang zum goldenen Schnitt.

Auch in einem Artikel im Journal of Mathematics and Design, bei dem angeblich auch eine Review stattfindet, sieht es nicht besser aus:

The point of resonance, corresponding to the eigenvalues and zero-crossings of a wave packet (wavelet), is not the frequency of its fundamental, but half of its frequency. If we assume the fundamental to be twice the golden mean (DE SPINADEL 1998) F, that means \(2\cdot 1.618 = 3.236 \mathrm{Hz}\), a point of resonance at \(F = 1.618 \mathrm{Hz}\) follows.

Das Argument steht und fällt mit dem Einheitensystem. Ohnehin ist die Betonung des goldenen Schnitts schon typisch. Was man vielleicht dazusagen wollte: Auf Grundlage dieser Überlegungen meint Weiss, neurologische Erkenntnisse, Erkenntnisse über das Denken und die Intelligenz, erlangt zu haben. Auch das menschliche Denken muss für ihn letztlich ganz einfach sein.

Fazit

Mein Fazit: Im Falle von Volkmar Weiss gilt es nicht nur, die rassistischen und klassistischen Einstellungen, fraglichen Umgang mit Statistiken, Eugenik und die politischen Ansichten, die er damit begründet, zu kritisieren. Nein, offenbar liegt völliges wissenschaftliches Unverständnis vor. Nicht „nur“ ideologisch ist seine Gedankenwelt vollkommen verquer, es fehlt jegliche Rationalität.