Archive for the ‘Politics’ Category

Numerologie bei Volkmar Weiss

Sunday, July 8th, 2012

Bei Volkmar Weiss, bekannt als „Intelligenz-Forscher“, der Intelligenz als verankert in Klassen und „Rassen“ sieht, Eugeniker, von dem auch Thilo Sarrazin einiges übernommen hat (siehe etwa hier und hier), finden sich anscheinend auch außerhalb vom Themengebiet Intelligenz-Vererbung-Politik-Gesellschaft bemerkenswerte Ansichten: In Grundlagenfragen von Physik und Mathematik beweist er eine Denkweise, die mit einem kritischen, rationalen, wissenschaftlichen Geist unvereinbar zu sein scheint. Bezeichnend für diese Denkweise ist die Numerologie, die Zahlenmystik.

Rezeption durch Weiss

Zunächst einmal weisen seine Stellungnahmen Bezüge zu einigen mehr oder weniger wohlbekannten Cranks auf. Allen voran: Peter Plichta. Dieser deutsche Chemiker stellt die gesamte moderne Physik infrage, Relativitätstheorie und Quantenmechanik sind für ihn Unsinn. Was stellt er an ihre Stelle? Ein numerologisches Konstrukt vom Feinsten – das sogenannte Primzahlkreuz. In einer lustigen Anordnung der Primzahlen, der \(-1\) und der \(1\) meint er, alle Welträtsel gelöst zu haben. Seine „Theorie“, oder nennen wir es lieber seine Gedankenwelt, sei „mathematisch bewiesen“, was für eine die Beobachtung beschreibende Theorie unmöglich ist, denn diese kann stets widersprechen. Hermetische und zugleich lächerliche Formulierungen vom „komplexen \(cm^4\)-Raum“ und das Umdrehen von Ziffern gehören auch zu seinem argumentatorischen Repertoire. Die moderne Physik, die nunmal kompliziert ist, soll durch banale Zahlenmystik ersetzt werden. So viel zu ihm. Und was ist dieser Mann für Volkmar Weiss? Ein Revolutionär (1, 2, 3, 4), auf dessen Geschwurbel für ihn wohl die gesamte zukünftige Wissenschaft aufbauen sollte.

Volkmar Weiss gesteht formale Mängel in Plichtas Werk ein und versucht damit die fehlende wissenschaftliche Rezeption dieser Lächerlichkeiten zu erklären, obwohl sie eben enorm gehaltvoll seien. Andere hätten diese Mängel angeblich behoben, wie etwa Jan C. A. Boeyens, ein durchaus anerkannter Chemiker, der allerdings im Alter wohl am „Pauling-Syndrom“ erkrankte und sein Cranktum begann. In der Tat hat er es – wohl mit seinem Ruf – geschafft, sein Zeug bei Springer unterzubringen, in dem er auch Plichta referenziert. Er ist nicht ganz so krass wie Plichta, die typischen Merkmale von Zahlenmystik und Cranktum sind jedoch auch bei ihm ausgeprägt. Von einer nun erfolgten wissenschaftlichen Weiterentwicklung kann also keine Rede sein. (Siehe 1, 2 und auch diesen Wikipedia-Edit, gut möglich, dass er auch von Weiss, einem Ex-Wikipedia-Autor stammt.)

Auch die Werke eines gewissen Adri de Groot (1) und eines Reinhard Köcher (1, 2) werden von Weiss ernstgenommen. Zum wissenschaftlichen Gehalt bei diesen beiden Persönlichkeiten muss man wohl nach Lesen der Buchtitel nicht mehr viel sagen.

Der wohl prominenteste Crank, auf den Weiss Bezug nimmt (1, 2), ist Stephen Wolfram. Bekannt als Unternehmer im Bereich mathematischer Software (→Mathematica, das Unternehmen Wolfram), hat auch er in den letzten Jahren gewisse eigenwillige Theorien entwickelt, die er etwa in seinem Buch A New Kind of Science darlegt – zurückzuführen wohl auf Überschätzung seiner selbst und auf Überschätzung seines ursprünglichen Forschungsgebiets, den zelluären Automaten. Auch er will einfache Antworten auf komplizierte Fragen und ignoriert bisherige physikalische Erkenntnisse. Gemein ist wohl all diesen Leuten, dass ihnen die heutige Physik und die Mathematik dahinter zu kompliziert sind und sie ihrer Ansicht nach völlig ersetzt werden müssen. Mit umfassenden Erklärungen für Beobachtungen oder gut verifizierte Theorien können sie natürlich nicht aufwarten, an ihre Stelle treten Glaube und in größerem oder kleinerem Umfang fundamentale wissenschaftliche Fehler.

Weiss’ eigenes Werk

War der Mann vllt. nur geblendet von ein paar schönen Formulierungen und hat die Numerologie dahinter übersehen? Abgesehen davon, dass diese Erklärung mit dem Umfang seiner Rezeption solcher Autoren kaum kompatibel wäre, sieht es in seinen eigenen Werken nicht besser aus. Auch er schreibt nämlich zu naturwissenschaftlichen Grundlagen, und auch wenn er behauptet, formale Mängel bei Plichta erkannt zu haben, sieht es in seinem Werk kaum besser aus. In der vielleicht unseriösesten Zeitschrift mit Peer Review Chaos, Solitons and Fractals (siehe hier für eine nette Bezugnahme auf diese Lage) – dank Elesevier-Paketen vielfach abonniert – hat er etwa einen sehr eindeutigen Artikel veröffentlicht. Man beachte seine Warnung:

Vorsicht, nicht verständlich ohne sehr spezielle Vorbildung in Informationstheorie, Statistischer Mechanik, Psychophysiologie und Neuropsychologie:

Um all die tollen Fachbegriffe zu verstehen, die er dort benutzt, benötigt man solche Kenntnisse wohl tatsächlich. Die Unwissenschaftlichkeit ist dagegen für jeden Laien mit ein wenig Bezug zur Naturwissenschaft, der nicht gerade Peer Reviewer bei Chaos, Solitons and Fractals ist, offensichtlich (man muss nur den Wust von Fachbegriffen übergehen):

In this system of present-day constants the Planck length has the value \(1.6160\cdot 10^{-35} \mathrm{m}\) (standard uncertainty \(0.0012\cdot 10^{-35} \mathrm{m}\)). If we fix instead the Planck length at the value of the golden mean at \(1.6180\cdot 10^{-35} \mathrm{m}\) and recalculate consequently all other physical variables, this means for the numerical size of the second only a trivial correction not relevant for our argument.

Das ist Zahlenmystik von Plichta’scher Größe! Man schaut sich eine Naturkonstante in SI-Einheiten an und findet eine, deren numerischer Wert so ähnlich aussieht wie der goldene Schnitt, ein großartiger Beleg. Nicht nur werden die völlig beliebigen, physikalisch bedeutungslosen SI-Einheiten vorausgesetzt, nein, auch von der Darstellung im Dezimalsystem hängt dieses Argument ab. Wechselt man das Einheitensystem oder das Zahlensystem, was physikalisch keinen Unterschied machen sollte, verschwindet der Zusammenhang zum goldenen Schnitt.

Auch in einem Artikel im Journal of Mathematics and Design, bei dem angeblich auch eine Review stattfindet, sieht es nicht besser aus:

The point of resonance, corresponding to the eigenvalues and zero-crossings of a wave packet (wavelet), is not the frequency of its fundamental, but half of its frequency. If we assume the fundamental to be twice the golden mean (DE SPINADEL 1998) F, that means \(2\cdot 1.618 = 3.236 \mathrm{Hz}\), a point of resonance at \(F = 1.618 \mathrm{Hz}\) follows.

Das Argument steht und fällt mit dem Einheitensystem. Ohnehin ist die Betonung des goldenen Schnitts schon typisch. Was man vielleicht dazusagen wollte: Auf Grundlage dieser Überlegungen meint Weiss, neurologische Erkenntnisse, Erkenntnisse über das Denken und die Intelligenz, erlangt zu haben. Auch das menschliche Denken muss für ihn letztlich ganz einfach sein.

Fazit

Mein Fazit: Im Falle von Volkmar Weiss gilt es nicht nur, die rassistischen und klassistischen Einstellungen, fraglichen Umgang mit Statistiken, Eugenik und die politischen Ansichten, die er damit begründet, zu kritisieren. Nein, offenbar liegt völliges wissenschaftliches Unverständnis vor. Nicht „nur“ ideologisch ist seine Gedankenwelt vollkommen verquer, es fehlt jegliche Rationalität.

Parliamentary democracy has nothing to do with legitimation

Monday, October 3rd, 2011

I have recently noticed a belief I had been indoctrinated with: western political systems—parliamentary democracies—would be better than other ones because of their democratic legitimation, the reign is legitimate because the government is elected. It had appeared natural to me because it had been repeated again and again: some state or decision is legitimate because there was an election at some time. It had been told at school and everywhere, even spontaneous polls with arbitrary options pretend to do legitimation. But there are several really big flaws in this argumentation:

  • What is our target function? What should a legitimate decision be like? Why should “on-ground-of-election” be a most important value? Politics should be about resolving conflicts while protecting the freedom of everybody, elections do not automatically imply freedom, in fact they can set dictatorships like the Nazi regime up, and do—more often—simply nothing, thus do not eliminate a lot of injustice in the world.
  • Rousseau told us that only democracy is able to ensure freedom inside a society by implementing the volonté générale, but what have results of elections to do with the volonté générale? Nothing, in representative systems the decisions do not even exactly reflet the volonté de tous, in fact it is a very, very bad approximation, thus decisions are far away from being legitimate, they are the result of power games, nothing more.
  • The sample for elections does not strictly correlate with the set of affected persons, elections are part of an random distribution of power, not a legitimate one. Non-human animals, foreigners, children, incapacitated, how could elections legitimate an arbitrary reign over those persons?
  • To be more explicit: There is no intrinsic property of elections ensuring freedom and humanity.
  • External circumstances are ignored when saying “democratic” systems would ensure freedom. Wether freedom is possible is determined by the whole social order, not by single political decisions. Remember companies, employers, customers, teachers, “friends” etc., there are power and herrschaft everywhere, and they are not inherently related to politics. However, do not falsely conclude that it is all about polity to create a state ensuring freedom, polity inherently includes herrschaft, not freedom, instead, it is much more desirable to have external circumstances inherently including freedom and eliminating polity as far as possible. A lack of polity is not a fundamental problem.

You may argue that these are flaws of democracy, but it could approximate legitimation. Maybe, but not within our system. Majority decisions and representative systems can not converge to legitimacy, except of by annulment. But progress in that areas—I cannot even observe—is not the most important aspect of freedom, as I said, it is about the social circumstances, they may ensure personal freedom, but wherever politics get necessary for organisation we should of course try to find the volonté générale, consensus. But parliamentary democracies have nothing to do with that. They are not democracies–i.e. where the volonté générale is the political maxim–they are just chaotic systems of herrschaft, consisting of power games and occasional elections, but politicians call it “democracy” and pretend it would be a most important value–complacent hypocrisy.

But what makes parliamentary democracies good? Why do we prefer them to autocracies? They fulfil a very simple job: politicians can easier lose their power in so called “democracies”, thus they are more careful with doing bad things if the electorate (not the general public!) could care about it. Additionally there is the separation of powers—contemned by Rousseau—providing some limitation of arbitrariness in an undemocratic system. Courts ensure continuity. That are the true colours of parliamentary democracy! We should realise that the world will not get better just because there are parliamentary democracies.

Das Schand-Urteil

Saturday, August 6th, 2011

Wer es noch nicht gehört hat: Vorgestern ereignete sich zumindest mal eines der Dinge von politischer Relevanz, die eine Selbstverständlichkeit sein sollten: Magnus Gäfgen erhielt vom Landgericht Frankfurt eine Entschädigung zugesprochen – für die Androhung von Folter seitens hochrangiger Polizeibeamter. Nachvollziehbar mag es sein, dass kein Schmerzensgeld zugesprochen wurde, wenn eine nachhaltige psychische Belastung durch diese Androhung als sehr unwahrscheinlich angesehen wird. Zu einer Befangenheit der Richter und die Verhinderung der Vorbringung weiterer Hinweise, die dazu geführt haben mögen, mag ich nichts sagen, doch zumindest eine solche Entschädigung ist und bleibt selbstverständlich.

Doch was prangen die Ausrufezeichen der Empörung in der auflagenstärksten Tageszeitung außerhalb Japans? Ein „Schand-Urteil“ nennt die Bild diese Entscheidung, nachdem sie am Vortag auf der Titelseite den Richter darum „gebeten“ haben, die Gewährung gewisser Rechte gegenüber Herrn Gäfgen zu „verhindern“. „Das Schand-Urteil, über das Deutschland diskutiert“ erhält die Titelseite und die mit Niveaulosigkeit gefüllte zwölfte Seite, von der Bild allerdings wird das Urteil nicht „diskutiert“. Es wird schlichtweg als „Skandal“ und „kaum zu verstehen“ beschrieben. Ein paar menschenverachtende Statements aus der Politik werden zitiert, die Bild selbst übertrifft jedoch alles: „Die Folterdrohung sei ‚verwerflich‘ und eine schwere Verletzung der ‚Menschenwürde‘ Gäfgens.“ Man möchte in der indirekten Rede das Wort „Menschenwürde“ nicht ohne Anführungszeichen verwenden, der Nebenklang, diese sei Gäfgen nicht zuzustehen, könnte stärker kaum sein. Die sonstigen Highlights: „Richter Christoph Hefter (52) ist selbst Vater von drei Kindern“, natürlich, darum geht es, Mitgefühl mit den Kindern, nein, liebe Bild, darum geht es nicht, es geht um Folter! Gäfgen sei „arrogant“, wo immer er auftrete, obgleich sein Selbstbild zusammengestürzt sei, und er habe den Mord „eiskalt“ aus „Geldgier“ begangen, dass Geldgier ein gesellschaftliches Phänomen ist – davon spricht niemand. Man schließt mit den Worten: „Das Land Hessen prüft, ob es gegen das Urteil in Berufung geht.“ Man wollte nicht mit einer weiteren „Empörung“ abschließen, sondern mit etwas „Positivem“, den edlen Aktionen des CDU-geführten Bundeslandes Hessen. Dass auch die andere Seite noch etwas einzuwenden hat, wird ignoriert. Der damalige stellvertretende Polizeipräsident „riskierte“ laut Bild heldenhaft „seine Karriere“, was jedoch angesichts der zu ihm stehenden Gerichte und seines zu ihm stehenden Arbeitgebers, des Landes Hessen, unwahrscheinlich ist.

Wunderbare Aussagen von allen rechtspopulistischen Seiten, die ein C als ersten und ein U als letzten Buchstaben haben, finden sich gleich im Anschluss: Gewohnt menschenverachtend gibt der Innenminister Joachim Herrmann (CSU) seine Worte von sich: „Für mich ist dieses Urteil eine unerträgliche Perversion des Rechtsstaates. Folter ist verboten, aber kein Anlass, den Mörder zm Opfer zu erklären.“ Ein Folteropfer ist ein Folteropfer, was versteht er nicht? Gäfgen ist Opfer. Und Täter in einem anderen Fall. Opfer und Täter zu sein, ist geradezu eine Alltäglichkeit. Doch andere klingen noch dümmer mit weniger emotionalen Ausdrücken: „Dass hier ein Mörder eine Entschädigung bekommt, ist für mich völlig unverständlich“ (Wolfgang Bosbach von der CDU), „Die Entscheidung ist nur schwer nachvollziehbar“ (Boris Rhein, ebenfalls CDU), laut der Süddeutschen Zeitung hält der Katholik Veit Schiemann vom Weißen Ring das Urteil für „nicht nachvollziehbar“. Es stellt sich für mich die Frage, wie schwierig das egtl. sein kann, dies nachzuvollziehen? Benötigen sie vllt. einen Theorembeweiser? Ich möchte Isabelle empfehlen, es ist Freie Software, und ich bin davon überzeugt, dass es die Notwendigkeit einer Verurteilung in Kürze ableiten könnte (Folterandrohung, solche ist verboten, Opfern steht Entschädigung zu, man wende den Modus Ponens an). Ebenso sollte Isabelle kein Problem damit haben, das Falsum aus der absurden Forderung Volker Kauders (ebenfalls CDU) abzuleiten: „Wir sollten das Opferanspruchssicherungsgesetz ändern, damit auch Schmerzensgeldansprüche von Tätern an die Opfer oder ihre Angehörigen übergehen können.“ Interessantes Konzept. Ich würde es auch auf Rachetaten anwenden: Der Rächer als Angehöriger des ursprünglichen Opfers erhält das Schmerzensgeld zurück, das er seinem Opfer leisten musste. Es widerspricht einfach dem Konzept einer Entschädigung. Friedrich von Metzler, der Vater des ermordeten Jungen, bezeichnet sich in der Bild als „empört“ und zeigt Verständnis mit den Polizisten, die Folter angedroht haben, schön, dass er Verständnis gegenüber solchen Verletzungen der Menschenwürde zeigt, ist es Vergeltungsmentalität? Bosbach lässt zudem verlautbaren: „Die Gefahr wurde vom Täter selbst heraufbeschworen.“ Mit „Täter“ meint er in diesem Fall das Folteropfer Gäfgen, das nun also selber die „Schuld“ tragen soll an dem an ihm begangenen Unrecht.

Kleines, amüsantes Intermezzo: Laut dem Gericht, habe Gäfgen beim Prädikat „mit zwei großen schwarzen Negern in eine Zelle stecken“ etwas „missverstanden“, ich frage mich, wie das funktionieren soll: Entweder dieser Spruch wurde tatsächlich so ähnlich geäußert, oder Gäfgen lügt schlichtweg.

Die Süddeutsche Zeitung zeigt sich nun auch einmal von ihrer ultra-rechten Seite, erstaunlicherweise von einem als liberal betitulierten Heribert Prantel – vllt. der einzige Redakteur dieser Zeitung, der mir namentlich in Erinnerung war. Er geht mit dem Dualismus hausieren, „das Urteil ist richtig, aber trotzdem falsch“. Man schaffe damit eine falsche Genugtuung für Gäfgen, es sei ein Hohn gegenüber dem Opfer. Es mag wohl sein, dass dies nicht nach Reue oder einem sympathischen Mörder aussieht, aber diese Situation hat sich die Justiz selbst zuzuschreiben: Sie hätte von vorne herein Konsequenzen aus der Folterandrohung ziehen können, statt dessen hat man Gäfgen einen fairen Prozess verweigert, und es bedurfte erst des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, um eine weitere Berücksichtigung der Folterandrohung zu erzwingen, die deutsche Justiz hatte dies selbstständig nicht hinbekommen. Prantels Bemerkung, es sei dem Recht genüge getan durch die Verurteilung der Polizisten, muss als lächerlich abgetan werden: Bewährungsstrafen, keine einzige persönliche Konsequenz. Sie wurden nicht einmal entlassen, wie es bei solch einem schweren Dienstvergehen selbstverständlich sein sollte – selbst ein Betrüger wie Guttenberg hat das geschafft, sogar ohne Gerichtsurteil. Nach solchen nicht zufriedenstellenden Vorgängen ist es nur verständlich, dass Gäfgen fortfährt. Zudem: Was sollte er sich von einer demütigen Haltung erhoffen? Auf ihn wartet doch nur die lebenslange Sicherungsverwahrung, Reue wäre da wirklich „unökonomisch“. Laut Bild endete der Rechtsstreit jedoch nun „mit einem Erfolg für den Kindermörder“ – wohl ein kleiner Erfolg, und den hat er nicht als Kindermörder, sondern als Folteropfer errungen.

Zu Prantels Dualismus: Es scheint verbreitet zu sein, zu sagen, die Paragraphen seien stur, aber korrekt angewendet worden zu sein und – ob man dies für falsch hält, oder eine Beugung des Rechtsstaates für verwerflicher hält – es bestehe eine Diskrepanz zwischen dem Recht und der Moral. Zwischen Recht und Moral besteht eine tiefe Diskrepanz, oh ja, es sind grundverschiedene Kategorien und das Gesetz ist ein aus pragmatischen Gründen eingeführtes Übel. Aber in diesem Fall geht es nicht um den Rechtsstaat, es geht um die Menschenwürde. Die Straßenverkehrsordnung ist absolut und generell formuliert, um eine relativ einfache Regelung benutzen zu können, aus pragmatischen Gründen. Doch die Menschenrechte sind nicht aus Pragmatismus sondern aus Idealismus heraus absolut. „Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden“ – dies ist ein moralisches Urteil und kein Verwaltungsinstrument. Wer in diesem Fall von Unmoral spricht, der stellt die Menschenwürde in Frage, stellt evtl. einen menschenverachtenden Utilitarismus auf. Wie nett, dass die SZ zeitgleich kritisch über Rechtspopulismus berichtet.

PS:
Ja, ich habe mir eine Bild besorgt. ;) Ich fand das zu interessant.

PPS:
Zur Bild-Berichterstattung siehe auch hier.

Der RSB zu „Internet, Software und Revolution“ und dem Fall Guttenberg

Wednesday, June 1st, 2011

Der Revolutionär Sozialistische Bund/ⅠⅤ. Internationale schrieb vor einem Monat über „Internet, Software und Revolution“ und ging dabei insbesondere auch auf Freie Software sowie als Aufhänger die Plagiats-Affäre Karl-Theodor zu Guttenbergs ein. Unbezweifelbar der Vorteil des Internets, das schnelle Kooperation und dank zumindest teilweise vorhandenen offenen, indizierten Informationsquellen eine effiziente Arbeit ermöglichte. Letzteres ist natürlich leider nur teilweise gegeben, Google Books und SpringerLink stellen nicht gerade ein Non-Plus-Ultra dar, und sollten wissenschaftliche Werke egtl. im Sinne der Allgemeinheit geschaffen werden, was dank staatlicher Vorfinanzierung im akademischen Bereich relativ bequem mäglich wäre.

Weiter im Text: Der RSB kritisiert die Kritik an der Kritik an Guttenbergs Plagiarismus,

Letzten Endes lief diese ganze Kritik darauf hinaus, dass Guttenberg sich nicht den bürgerlichen Eigentumsverhältnissen unterworfen hat, bzw. deren in die Welt der Wissenschaft gedachter Verlängerungslinie. Natürlich ist es zynisch, wenn ein Multi-Millionär, dessen ganzes Eigentum auf eben diesen Verhältnissen beruht, sie genau in dem Moment bricht, wo es seinem egoistischen Privatinteresse dient.

Abgesehen vom Wahrheitsgehalt des herausgestellten Zynismusses, denke ich, dass doch noch einiges unabhängig von (urheber-)rechtlichen Erwägungen für eine moralische Verurteilung dieses Plagiarismus steht:

  • Der RSB stellt als Gegenmodell Freie Lizenzierung wie etwa in der Wikipedia dar. Nun ist aber die Wikipedia etwas gänzlich anderes als eine Dissertation, erstere besteht aus Tertiärtexten, zweitere ist ein Primärtext. Hier gilt es weiter zu unterscheiden.
  • Eine Doktorarbeit soll nicht eine umfassende Erläuterung bekannter Sachverhalte sein, sondern primär die neuen Forschungsergebnisse eines (angehenden) Wissenschaftlers (oder Politikers, der sich etwas darauf einbilden will) darstellen. Die „Redundanz“ die ein Plagiat mit dem Original aufweist, ist hier nicht von Nöten, gefragt sind nur die neuen Ergebnisse, deren Vorstellung mit je nach Disziplin mehr oder weniger Zitaten besser durchgeführt werden kann.
  • Zudem geht es um den Nachweis einer persönlichen Forschungsleistung, Guttenberg hat hier einmal mehr mit Unehrlichkeit geglänzt (man erinnere sich an den Vorfall mit dem Tankwagen).
  • Man mag das ganze System von akademischen Graden und persönlicher Leistung in Frage stellen, dennoch (ob es dem RSB passt oder nicht): Es wird Menschen immer auch um Selbstverwirklichung, um Individualismus gehen, und das ist gut so, zudem sollte eine Forschungsleistung auch auf den (die) Urheber zurückzuführen sein. Somit lässt sich auch Selbstdarstellung nicht vermeiden, und der Plagiarismus bleibt ein Beschmücken mit fremden Federn, niederträchtige Lüge.

Ich denke nicht, dass die meisten Menschen ihre Kritik aus den „bürgerlichen Eigentumsverhältnissen“ heraus motivierten, sondern schlichtweg die Unehrlichkeit des Ministers zu Tage treten sahen, und diese moralisch verurteilten.

Im Folgenden wird die Absurdität des Eigentumsprinzip für Wort und Software eindrücklich dargestellt, man ist weg vom Aufhänger Guttenberg. Interessant ist dann der Übergang zum Thema „Revolution“, wie es der Titel verspricht. Ich zitiere einen hervorstechenden Satz:

Die Unverträglichkeit von Autoritarismus und Internet zeigte sich daran, dass die Diktaturen in ihren letzten Tagen das Internet schlicht abschalten ließen. Wenn sich bereits so etwas wie facebook für eine Umwälzung nutzen lässt, dann können wir nur erahnen, in welchem Umfang sich Plattformen nutzen ließen, die von vornherein für hierarchiefreie Kommunikation gemacht sind.

Ich stimme gänzlich zu, dass sich dadurch neue Möglichkeiten schaffen lassen, in demokratischer Kontrolle, demokratischer Entscheidungsfindung – wirtschaftlich und politisch –, wie sie in einer weniger technisierten Welt kaum möglich erschienten. Konstituierender Bestandteil dabei sollte die Freiheit sein, Freie Software, Freies Wissen, ich empfehle das Lesen des Artikels.

There is a Substantial Antagonism between Free Software and Capitalism

Sunday, May 29th, 2011

It is not uncommon that people want to tell me that Free Software and Free Knowledge fit nicely into the concepts of capitalism. They are right that they can do a good job for humanity by supporting Free Software or Free Knowledge while they are accepting capitalistic circumstances, feeling comfortable within them. But it is not true that FLOSS and Free Knowledge are about free markets and capitalism. Freedom is not about markets at all. Markets depend on the concept of scarcity. When supporting Free Software, Free Knowledge, Free Research etc. you are working against the concept of scarcity, they remove the scarcity where it is definitely not necessary. Anybody can benefit from software and knowledge, anybody can make it better. Everybody is allowed to copy it. That are the fundamental concepts of Free Software, and that is a fundamental antagonism to scarcity. The reason that it is working within capitalism is not a common ideology. The reason is: capitalism is not totalitarian. Most gouvernments do not want it to affect any aspect of life, there remains the freedom to act outside of it, to support other people, to have a family, to love somebody without revenue – and thus you are even allowed to fight against shortness, you can create Free Software.
But laws may change, any there are powerful parties opposing the ideas of cooperation because they benefit from scarcity. Thus people invented “intellectual property” and told us it would be a worthful ideal. That Free Software is using copyright for its copyleft is just a pragmatic approach necessary to achieve something in the current world. If there would be no scarcity for software, i.e. all software would be free, there would be no necessity for neither copyright nor copyleft.
Let us translate the ideals behind Free Software to other parts of economy: That would mean stopping scarcity, stopping shortness, allowing real freedom. E.g. it would mean making food and medicine freely available for everybody. With increasing automation there will be even less necessity of scarcity, but unfortunately some people benefit from it. Automation gives us the opportunity to stop scarcity and alienation in a smooth process without ruining economy. But it has to be used wisely – that means Free Knowledge and Free Software to prevent technocracy. It could finally remove the necessity of property. It could result in real, human freedom, in equal opportunities wihout alienation or structurally caused existential dependence. Then capitalism would be over. But maybe there is another alternative more likely to happen: We are heading into technocracy, all formal democracy will become worthless. Mighty persons or maybe their invisible (and evil!) hand will control intellectual property even more, will control all the people, will keep markets, scarcity, capitalism, poverty everywhere. Those who can controlown the knowledge and information can control everything human beings are able to control.

PS:
This article might be interesting to read for those who understand German.

Man ist ja nicht ausländerfeindlich

Tuesday, April 12th, 2011

Man ist ja nicht ausländerfeindlich, aber manch einer ist doch Hunger- oder Wassertod besser aufgehoben als hierzulande. So scheint zumindest der rechte Saft aus den Mäulern mancher christlich demokratischer und sozialer unierter Politiker in Deutschland zu laufen, Muslime sind ja sowieso schlechtere Menschen, demokratieunfähig, bedürfen keiner sozialen Unterstützung und die Union sollte doch spätestens an Europas Grenze aufhören.

Ob vom bundesdeutschen CSU-Innenminister Hans-Peter Friedrich oder dem bayrischen Pendant Joachim Herrmann: Grenzen abschotten, niemand darf ins Land, die Italiener sollen sich alleine drum kümmern, am besten mit dem Militär („Dazu müsste die italienische Marine wohl in der Lage sein“), sehr angemessen, eine Küstenwache hat einfach nicht die Ausbildung zum zuverlässigen Versenken. Man zeigt sich natürlich gnädig, die 100 erbarmungswürdigsten Afrikaner aus den schlimmsten Bürgerkriegsregionen dürfen rein, die sogenannten „Wirtschaftsflüchtlinge“ weiß man klar davon zu trennen, das dreckige afrikanische Geschmeiß darf keine Chance bekommen, nachher noch in Deutschland einen Euro zu verdienen. „Wirtschaftsflüchtlinge“ – natürlich, vor dieser Wirtschaft würde man schon einmal gerne fliehen, die solche Armut hervorbringt, doch dies ist auf diesem Planeten vllt. durch Eremitentum, nicht aber durch das Auswandern möglich, die Flucht geschieht nicht vor der Wirtschaft, sondern vor der Symptomatik, vor der Armut. Die Nationalstaatlichkeit bleibt unüberwunden, auch den marginalen paar Tausend Asylbewerbern, die es hier in Deutschland immer gibt, darf man nicht nachgeben, wo käme man denn dahin?

Man braucht keinen Respekt vor denen, die viel, sehr viel in ihrer Heimat aufgeben, die von uns geschaffenen und geförderten Risiken der Reise nach Europa auf sich nehmen, es sind ja nur Wirtschaftsflüchtlinge, die machen eine kleine Reise – machen deutsche Tunesienurlauber ja auch – und werden dann eben zurückgeschickt – Reklamation, ihr Bürgerkrieg war nicht blutig genug für deutsche Standards. Wir sind ja sogar nett, organisieren wir ihnen doch einen schönen Platz im Asylantenheim und auch den Rückflug, sogar mit polizeilicher Begleitung bis zum Flughafen, so viel Service umsonst gibt es für die deutschen Tunesienurlauber nicht. Menschlichkeit ist unwichtig, Wirtschaftsflüchtlinge müssen raus, selbst wenn sie eine Chance für ein Land mit sinkenden Geburtenraten und Einwanderungszahlen sind. Die Probleme müssen natürlich auch nicht gelöst werden, jeder für seine Nation, vllt. noch ein wenig EU für eine bessere Wirtschaft, aber wieso sollte man den Hunger angehen? Da ist einem doch der Entwicklungshilfeminister von der FDP, der sein Ministerium für Entwicklungshilfe gleich abschaffen will, sehr genehm. In Frankreich und Italien ist man mit den rechten Politikerköpfen von Berlousconi und Sarkozy natürlich genauso gut dabei, nur hat Berlousconi einmal pragmatisch versucht, anderen ein wenig Verantwortung zu übertragen, wo er selbst heraus wollte, aber man will die rechten und völkischen Wähler natürlich nicht enttäuschen, indem am Ende noch ein Afrikaner in ihrer Nachbarschaft wohnen darf.

Was soll an einem solchen Aussagen zugrundeliegenden Weltbild nicht menschenverachtend sein? Parteien wie CDU und CSU sind nicht radikal, aber fehlende Radikalität macht solches Gedankengut noch lange nicht hinnehmbar. Erstaunlich, wie so etwas dennoch von Medien und allgemein der Bevölkerung hingenommen wird, während NPD- und Sarrazin-Aussagen glücklicherweise recht einhellig geächtet werden.

Neo-Nazis mal wieder auf der Straße

Friday, April 8th, 2011

Leider haben wir auch in Deutschland ein fortwährendes Problem mit Rechtsradikalen, auf diesen widerlichen Aufruf bin ich heute an einem Bahnhof gestoßen – ich war nichtsahnend unterwegs, die ganze Treppe war vollgemüllt – er stammt aus Kreisen der NPD:

Nazi Aufruf

Der Drecksaufruf

Dazu muss wohl nichts gesagt werden, menschenverachtend, fern von menschlichen Idealen, Angstmache. Hier finden sich mehr Informationen. Ein Glück, dass es nur Papier ist, nach einigen Minuten war die gesamte Propaganda am Bahnhof aufgesammelt, um dahin zu gelangen, wo sie hin gehört: in den Papiermüll:

Nazi-Propaganda zusammengeknüllt in der Faust

Der gesamte Dreck des Bahnhofs in komprimierter Form auf dem Weg zu seinem Bestimmungsort

Solches Zeug muss unschädlich gemacht werden, wenn es auftaucht, jede Minute, die es in der Öffentlichkeit sichtbar ist, ist eine Minute rechter Präsenz zu viel!

Waffen für die Libyer

Sunday, March 20th, 2011

Gaddafi hat nun wohl tatsächlich seine Waffenkammern öffnen lassen. Das kann ja heiter werden, wenn lauter bewaffnete Zivilisten mit unklarer Haltung zu Gaddafi herumlaufen, Verwirrung stiften, und damit wohl auch die Integrität des internationalen Einsatzes bedrohen können, wenn es durch solche Verwicklungen zu getöteten Zivilisten kommt. Abgesehen davon sind irgendwelche Marodeure nie eine besonders friedensförderliche Sache.

New Mexico: Driver’s Licenses for Immigrants

Sunday, March 20th, 2011

Maybe not that important news, but I want to mention it:
Reuters: New Mexico governor loses bid to block licenses for illegals

The driver’s licenses of all illegal immigrants should become invalid. However, they failed, because there were some rational politicians who could prevent this. Just one more thing I want to say, related to this:

Martinez has called the practice of giving licenses to illegal immigrants “dangerous”.

What the hell is dangerous? The immigrants could get a job, work, be treated like “normal” people, integrate, etc. Oh my god, that is so dangerous! There is only one dangerous thing: They could be deported even after having lived there for a long time, that is dangerous, because it is inhumane, nothing else.

Immediate Ceasefire in Libya

Friday, March 18th, 2011

The Libyan foreign secretary announced an “immediate” ceasefire in response to the no-fly zone enacted by the UN security council. Well, Gaddafi proved to be not very serious, he had planned his Endsieg for today, yesterday military acts in the Mediterranean Sea were announced, and now they want to stop the civil war and implement human rights, but meanwhile fights in Misrata are going on, that clown Gaddafi is amusing, but of course not that funny for his subjects. What has this to do with Free Software and KDE? Not much, but I thought most people would be interested in it.

The political actions in Germany, where I live, seem to be especially interesting. Since many years Gaddafi’s regime has been supported by the German intelligence corps BND and German armor corporations like EADS (which is not just German, but European) and Heckler & Koch, which can look retrospectively at a history of scandals. Now our foreign secretary Westerwelle does not want to look back, if there had been any political responsibilities.

He has been against the no-fly zone and strictly against German military support for their implementation. He spoke about imposing sanctions – very efficient in a situation where the revolution could have been struck down within days. So Germany was the only Nato-member not voting for the no-fly zone in the UN security country. Well, Gaddafi had already commended Germany some days ago, while his “friend” Sarkozy had become mad in Gaddafis judgement, we could have been his new friends, together with nice democracies like Russia and China. But even the Arab League supported the no-fly zone and some of their members (probably Qatar and the Emirates) want to support the implementation.

Few words about the news coverage: The news were featuring too much information about Japan, of course it should be on the title page, but why should there not be news about the decision in the UN security council there, too? Instead of that you can read a lot of pointless stuff in the newspapers, pointless stuff about Japan, end consumer information about nuclear stuff, regional nuclear power plants, and really pointless stuff about singers or a murderer having been imprisoned since years (I have had a look at the famous Bild newspaper today, the worst newspaper in Germany, larger than the New York Times). A bit more attention for the revolution would be really nice.

Al Jazeera: Libya declares ceasefire but fighting goes on
Taz: Ticker Bürgerkrieg in Libyen (German, very up-to-date)
ARD: Immer zu Diensten – Die deutsch-libysche „Wertegemeinschaft“ (German, Always at Your Service – The “Community of Values” between Germany and Libya)
rtmp-version (the previous link, for those without a Flash-Player, but vlc, mplayer or rtmpdump, may expire within the next days)