Das Christentum gehört nicht zu Deutschland

Die ernsthafte Zugehörigkeit des Christentums zur Bundesrepublik Deutschland lässt sich historisch nicht belegen. Historisch gesehen muss die Bundesrepublik in Abgrenzung zu vorherigen Staaten mit ähnlichem Staatsgebiete betrachtet werden. War im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation noch die meiste Politik sehr heilig, der Gottesfrieden (nur für Christen, versteht sich) und das Gottesgnadentum (dank dessen es damals nicht diese Hetzjagden auf gute, konservative Politiker gab, das waren noch gute Zeiten für Herrn – Verzeihung, Freiherr – Enoch Guttenberg) sorgten für die angenehme, sakrale Atmosphäre in die Politik, und wie in jeder anständigen Messe galt es auch hier, das Blut zur VergeltungVergebung der Sünden zu vergießen.
Nach einigem Gerangel mit denen, die wir nun Erbfeind – oder in der saloppen Jugendsprache Franzosen – nennen, durfte man ein wunderbares neues Konstrukt begrüßen: den aufgeklärten Absolutismus, wie man so schön sagt. Das hatte zwar schon mehr Ähnlichkeiten mit unserer Gesellschaft, in der man sich wohl auch gerne aufgeklärt zeigt und an gänzlich widersprüchlichem festhält, aber das Klammern guten, kranken protestantischen Moralvorstellungen ging doch über noch darüber hinaus, ebenso der gute Militarismus und Imperialismus. Und nach dem ersten und dem zweiten Reich folgte auch das dritte Reich mit viel Tamtam und einem Reichskonkordat.
Nun gab es aber auch andere Strömungen, z.B. jene aufklärerische Gedanken wahrlich und nicht erst mit ein oder zwei Jahrhunderten Verzögerung Denkenden, die an Freiheit und Gerechigkeit glaubten, und schließlich jene, die Freiheit und Gleichheit nicht bloß opportunistisch zu denken wagten, mag das bei uns nicht mehr der Fall sein, so ist es doch das, worauf wir uns berufen. Mag das Grundgesetz den „Gott“, wie es sich doch gehört, noch im Prolog erwähnen, so geht es doch darum, die christliche Religiösität endlich herauszuschneiden, wie auch schon in Weimar es gedacht ward. Die immerwiederkehrende Beglückung mit den christlichen Opportunisten vermag nicht darüber hinwegzutäuschen, welche Ideale hinter der Konzeption dieses Staates stehen. Nicht genug herausgeschnitten kann dieses Geschwür werden, doch leider gibt es drängendere Probleme als die immer noch breite gesellschaftliche Bindung an das Christentum.
Neben Geschichte und Politik sollte auch unser kulturelles und geistiges Erbe bedacht werden: Welchen Gott verehrten jene alten Aufklärer, Descartes, Rousseau? Den abstrakten, den in die Nichtigkeit gestürzten, den von Pascal ungeliebten Gott der Philosophen, den man sich im Gegensatz zur gänzlichen Leugnung hier in Europa erlauben konnte. An welchen Gott glaubten Herr Goethe und Herr Schillr, die doch bis heute als kulturelle Heilige verehrt werden? Nicht-Gott. Und auch Marx und Nietzsche und Freud gilt es heute zu beachten, die Gedanken des Atheismus sind die Gedanken der Menschlichkeit, der Menschenwürde.

Wo wir nun wissen, dass das Christentum nicht zu Deutschland gehört, möchte ich nun nicht mehr verschweigen, wie ich zum Schreiben dieses Textes komme: „Unser“ neuer Bundesinnenminister (CSU, der Name ist wohl nicht nennenswert) hat sich zu der kürzlich feierlich vorgebrachten Aussage des Bundespräsidenten (CDU, ebenso), der Islam gehöre zu Deutschland distanziert, unter dem Vermerk, dass dies sich historisch nicht belegen ließe. Zum einen frage ich mich, wann die muslimischen Bevölkerungsteile bitte zu uns gekommen sein sollen, wenn nicht in der Geschichte. Zum anderen wirft es eben die Frage, auf welche Rolle das Christentum spielt, wohl kaum mehr als Inspiration für jene Randparteien mit dem christlich inspirierten C im Namen. Religionen sollten überhaupt kein Teil Deutschlands sein, auch religiöse Menschen, ob Atheisten, Christen, Muslime oder sonstige Theisten, gilt es aufzunehmen, und es geht darum, Ideale der Menschlichkeit und der Freiheit zu pflegen, aber irgendeine Religion an sich soll niemals „zu Deutschland gehören“, es ist dabei auch vollkommen unerheblich, wie breite Bevölkerungsgruppen jetzt oder in der Geschichte einer gewissen Religion angehören. Aber auch unter diesem Gesichtspunkt ist es erstaunlich, wie die atheistische und agnostische Religiösität und Nicht-Religiösität trotz der großen Anhängerschaft ignoriert wird. Integrationsförderlich sind die Aussagen des Hans-Peter Friedrich natürlich auch nicht.

Ein Bonmot zarten Humors zum Schluss: Der Regierungssprecher Steffen Seibert wird mit den Worten „Da wird ein Gegensatz in Äußerungen des Bundespräsidenten und des neuen Innenministers hineingedeutet, den es so gar nicht gibt“ zitiert. So fuzzy kann Logik doch gar nicht sein, dass die Negation der Aussage Christian Wulffs nicht im Widerspruch zur Aussage Christian Wulffs steht, nun gut, wieso sollte ein Regierungssprecher, ein Journalist, der weder Mathematik noch Philosophie studiert hat, denn mit logischer Argumentation umgehen können?

Passende journalistische Quellen möchte ich natürlich nicht vorenthalten:
http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/nehmt-ihm-die-islamkonferenz-weg/
http://www.fr-online.de/politik/minister-empoert-muslime/-/1472596/7743606/-/index.html

Sämtliche Anspielungen und Mehrdeutigkeiten in diesem Text sind vollkommen beabsichtigt, außer ich war mir ihner zum Zeitpunkt des Verfassens nicht bewusst.

7 Responses to “Das Christentum gehört nicht zu Deutschland”

  1. Dennis Wahl Says:

    Ich bin der ganzen Diskussion um historische Gewachsenheit so was von überdrüssig geworden. Können die Menschen nicht einmal einfach nach vorne schauen und entscheiden wohin die Sache gehen soll ohne sich ständig umzudrehen? Hier werden doch nur wieder Vorurteile zu Traditionen umgedeutet und es wird vergessen, dass Traditionen von je her nur tradierte Vorurteile sind.

  2. whilo Says:

    @Dennis Wahl: Das nach vorne schauen definiert sich aber über die Geschichte. Ich würde sogar eher in deinem Sinne sagen man solle die wehrten Herrschaften beim Wort nehmen und dann mit Adorno* feststellen, dass wir in einer Gesellschaft leben die gerade trotz ihrer Wachstumsdynamik ihre Probleme die ganze Zeit vor sich herschiebt und der ewige Traditionsbezug einfach nur eine Lüge ist um davon abzulenken, dass sich die vom Kapitalismus verursachten Probleme tatsächlich nicht auflösen, sondern sich in Wirklichkeit bar jeder Tradition zuspitzen.

    @The User Ich habe mich schon extrem über diese Pseudoreligiösität aufgeregt. Allerdings sind gerade die, die von Religion sprechen, eben nicht religiös, sondern sie instrumentalisieren nur die “tradierten Vorurteile” um damit nicht über das Neue sprechen zu müssen. Wer die ganze Zeit davon spricht, dass alles beim abstrakten Alten bleibt, kann die Veränderungen die er durchführt sehr gut verdecken. Wenn man also überhaupt anfängt über die Themen von Religiösität/Tradition zu streiten, hat man oft schon verloren. In diesem Sinne hast du es sehr gut getroffen, Religion ist eben in einer aufgeklärten Gesellschaft wie Deutschland (oder heute auch jedes andere Land) keine Diskussionsgrundlage mehr, man kann ohne sich lächerlich zu machen nur über die zugrundeliegende Ideologisierung sprechen, nicht mehr über einen angeblichen Wahrheitsgehalt. Umgekehrt muss man aber auch fragen woher sich religiöse Ideologisierungen speisen und gerade diese Probleme thematisieren. Die Leute einfach für dumm zu erklären ist genauso einfach wie falsch. Es ist unglaublich wieviel religiöse Propraganda z.B. in öffentlich rechtlichen Medien verbreitet wird, ganz zu schweigen von Konzernmedien.

    * Über Statik und Dynamik als soziologische Kategorien. Gesellschaftstheorie und Kulturkritik.

  3. The User Says:

    @whilo
    Worauf beziehst du dich mit der Propaganda in den öffentlich rechtlichen Medien?
    Ich denke, dass zuminest in meiner Umwelt der Hauptgrund für die Pseudoreligiösität in der Tradition liegt. Religion wird nicht über den Glaube an etwas definiert, der im eigenen Geist entsteht, sondern es geht um frühkindliche Indoktrination, Gemeinschaftlichkeit, Gewohnheit, Anerkennung im gesellschaftlichen Umfeld, etc. Grob gesagt Tradition mit allem, was mitmacht. Man redet in der Kirche nicht über die Welt, sondern nur über den Mythos. Natürlich sind weder diese pseudoreligiösen alle dumm, noch diejenigen mit einer wirklichen christlichen, metaphysischen Überzeugung.

    Zur Ideologie: Ich denke durchaus, dass Ideologie notwendig ist, dass nicht-pragmatische Ziele notwendig sind, und dass es auch einen gewissen Konsenz an Idealen und nicht nur an Paragraphen geben sollte.

  4. whilo Says:

    Nimm SWR2 z.B. oder auch diese Nonnensoap auf dem ersten. Der Anteil an Theologen entspricht sicherlich nicht der Bedeutung von Theologie an der Problemlösung. Dort wird eher typisches Intellektuellengeschwafel über den Sinn und Unsinn des Religiösen und die Rechtfertigung für diese Institutionen abgegeben. Wenn du dir mal anschaust was der Staat alles bezahlt, auch gerade an den Unis, wo theologische Fakultäten weit besser ausgestattet sind als Philosophie z.B. (zumindest in Heidelberg ist das richtig krass), dann kriegst du Aggressionen. Aber auch in Mathe und Physik gibt es erstaunlich viele christliche Fundis, die in Mathematik/Physik einen Beweis für die göttliche Ordnung sehen und ihre Komplexe dann in irgendwelchen christlichen Gruppen ausleben. Sie tragen das nur nicht so offen vor sich her. Würde der Staat die Dutzende Milliarden mit denen er den ganzen Pomp der Kirchen finanziert in soziale Sicherungssysteme stecken wäre uns allen geholfen. Das würde aber eine sehr wichtige ideologische Grundlage in Frage stellen und so hat der Staat kein Interesse daran dieses Thema anzugehen.
    Richtig Glaube, wie jede andere Vorstellung entsteht nicht von sich selbst, sondern ist eine gesellschaftliche Erscheinung. Nicht umsonst haben viele sich Gesellschaftstheoretiker mit der heiligen Familie auseinandergesetzt. Die Familie als Keimzelle der bürgerlichen Gesellschaft benötigt eine transzendente Rechtfertigung um die Autorität zu vermitteln.
    Hängt davon ab wie du Ideologie definierst, aber in dem Moment, indem etwas als Ideologie erkannt wird ist es bereits schal geworden. Das dann weiter zu benutzen ist Instrumentalisierung und gezielte Manipulation. Ich sehe nicht wie das gesellschaftlichen Fortschritt bringen soll. Ideale != Ideologie und auch Idealismus hat seine Schwächen. Ich empfehle Habermas, bzw. Marx zum Verhältnis von Theorie und Praxis. Ist ziemlich interessant.

  5. The User Says:

    Würde der Staat die Dutzende Milliarden mit denen er den ganzen Pomp der Kirchen finanziert in soziale Sicherungssysteme stecken wäre uns allen geholfen.

    Auf jeden Fall, sollte sogar für ernsthafte Philosophie noch genug übrig bleiben.

    Das würde aber eine sehr wichtige ideologische Grundlage in Frage stellen und so hat der Staat kein Interesse daran dieses Thema anzugehen…Ideale != Ideologie und auch Idealismus hat seine Schwächen.

    Wenn ich darüber nachdenke – solche Politik ist wohl ideologisch, allerdings keinesfalls idealistisch. Auch die Unions-Leute haben ihre Vorstellungen von der Gesellschaft, in denen wohl die Kirchen mitspielen, mit grundlegenden Idealen hat das aber nichts zu tun.

    Richtig Glaube, wie jede andere Vorstellung entsteht nicht von sich selbst, sondern ist eine gesellschaftliche Erscheinung.

    Nein, Glaube kann auch aus der Person selbst heraus, aus eigenbrödlerisches Denken, Einsiedelei, Drogenpsychosen und anderem entstehen, allerdings ist mir das sehr viel lieber als der idealfreie, widersprüchliche, durch gesallschaftliche Zwänge erzeugte Glaube.

    PS:
    Zu den Nonnen: Nonnenklöster und Frauengefängnisse sind nun einmal beliebt! ;)

  6. whilo Says:

    “… aus Drogenpsychosen…” Drogenpsychosen treten vor allem by prädestinierten Konsumenten auf und haben wohl eher Verfolgungswahn oder andere Erscheinungen zur Folge. Allerdings glaube ich nicht, dass die Zahl derer, die Drogen genommen haben und dann in der Kirche gelandet sind, statistisch im Verhältnis zu einer Kontrollgruppe auffällt. Die Kirche ist einfach nicht gechilled :-p

    Mit idealistisch meine ich im Berkley’schen oder besser im Hegel’schen Sinne. Nicht einfach im umgangsprachlichen Sinne von “Ideale haben”. In diesem Sinne ist Idealismus selbst eine Ideologie. Nach Marx u. Engels Bewertung die vollkommene bürgerliche Ideologie und tatsächlich lassen sich alle modernen Idealismen, z.B. auch Logizismen, an der Hegel’schen Dialektik messen.

  7. The User Says:

    Diese Politik ist weder im einen noch im anderen Sinne idealistisch. Bin mir gerade im Moment gar nicht mehr so sicher, welches ich beim Schreiben des letzten Kommentars egtl. meinte. :D Ich glaube ich meinte „Ideale haben“, die Frage nach Realismus oder Idealismus spielt da ja keine Rolle. Und auch viele sich als überzeugt gebende Kirchgänger sind Materialisten.

    Das mit den Drogenpsychosen war ja nur ein Beispiel, aber klar gibts das, dass das Auswirkungen auf die Geisteshaltung/die Weltanschauung hat.

    PS:
    Bei dir dagegen war es aus dem Kontext ersichtich, welchen Idealismus du meintest. ;)

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