Der eklige Mörder

Die Bildzeitung hat mal wieder einen Kindermörder als eine ihrer Top-Stories – wen interessiert schon die Revolution in Libyen – wenn schon gerade einmal kein Kind in Deutschland umgebracht worden ist, nehmen wir den alten Bekannten Magnus Gäfgen, da kann man noch ein wenig mehr zweifelhaftes Gedankengut verbreiten als beim Ottonormal-Kindermörder. Nun gut, Gäfgen wurde damals Folter angedroht, um den Aufenthaltsort des Kindes, das allerdings schon tot war, herauszupressen. Der verantwortliche stellvertretende Polizeipräsident und der verhörende Kommissar wurden mit Verweis auf §1 des Grundgesetzes – seine Bedeutung mag der Bild-Redaktion unbekannt sein – schuldig gesprochen. Ein paar Jahre später behauptet nun Gäfgen, psychische Schäden davongetragen zu haben, was offenbar psychologisch bestätigt werden konnte, daher fordert er Schmerzensgeld.

Nun, wo liegt das Problem? Ich weiß es nicht, aber viele, geneigte Einwohner dieses Staates scheinen sich damit wohl nicht anfreunden zu können. Tatsächlich erzeugt dieser selbstverständliche Vorfall eine Medienaufmerksamkeit, die Bild verurteilt Gäfgen sogleich als „eklig“, bevor sie überhaupt sagt, worum es geht. Andere Zeitungen vermögen womöglich die unmenschliche Meinungsmache ein wenig von der „objektiven“ Berichterstattung zu trennen, aber dann liest man Dinge wie:

Laute Empörung im Publikum ob solcher Rücksichtnahme:

Ja, hinter dem Doppelpunkt setzt bei der Welt tatsächlich eine Rechtfertigung dafür an, dass man Gäfgen ein Mittagessen nicht gönnt. Selbst die taz setzt gleich mit einer herabwürdigenden Wertung an:

Magnus Gäfgen präsentierte sich mal wieder in seiner Lieblingsrolle: als Opfer.

Schade, dass sich die taz nahezu auf das Springerniveau herablässt, dafür werden immerhin noch Hintergründe geliefert, etwa die Bestätigung durch einen Psychiater.

Genug zur Presse, worüber sich die Leute so beschweren:

  • Manche Leute beschweren sich tatsächlich darüber, dass diese Prozesse Geld kosten und „der Steuerzahler“ dann Geld an einen Kindermörder zahlen müsste. Einfach nur lächerlich, dass wir uns Rechtsstaatlichkeit nicht mehr leisten können sollen.
  • Geringfügig glaubwürdiger erscheint da der Ruf, rechtlich sei die Folterandrohung falsch und zu verurteilen, moralisch jedoch in Ordnung, und ich sage: nein, an der Entwürdigung eines Menschens ist nichts moralisch in Ordnung, und man hätte dadurch auch kein Kind retten können, der Kerl war intelligent genug, als dass er es verraten hätte, wenn das Kind Jakob von Metzler noch gelebt hätte, ich traue es dem Jura-Studenten schon zu, dies als sinnvollsten Ausweg erkennen zu können.
  • Ähnlich schallt es konkret zur Schmerzensgeldforderung: Das Recht ist in Ordnunug, dass er das einfordern kann, aber moralisch angesichts seines Verbrechens ist es das nicht. Ich leugne nicht, dass es Diskrepanzen zwischen Recht, Gerechtigkeit und Ethik gibt, aber wenn er tatsächlich psychisch unter der damaligen Folterandrohung zu leiden hat, dann ist es nur gerecht und nur moralisch ihm wie jedem anderen, der von solchen polizeilichen Methoden betroffen ist, ihm eine Wiedergutmachung zuzugestehen. Solches Leid darf auch nicht als Strafe für das Verbrechen legitimiert werden, davon hat niemand etwas, nicht die Angehörigen des Opfers, nicht die Rechtsstaatlichkeit, nicht die Sicherheit der Gesellschaft.
  • Unglaubwürdigkeit: Wer über den Tellerrand des Axel-Springer-Verlags hinaus blickt, kann auch von Bestätigungen Gäfgens Glaubwürdigkeit hören. Vorallem aber hat man das Vorgehen nicht zu beurteilen, bevor nicht ein Prozess stattgefunden hat, ein absolutes Unding ist es, die Aufnahme eines Prozesses ihm verweigern zu wollen.
  • Fehlende Anteilnahme und Reue werden oft genannt, um ihn als ekliges Monster hinzustellen. Aber auch ein „ekliges Monster“ hat die Menschenrechte, zudem: Was kann er dafür, wenn er keine Empathie verspürt, egoistisch und antisozial ist? Er hat das ausgelebt, und leider konnte niemand den Schaden an anderen verhindern. Die Gesellschaft sollte vom Gedanken der Schuld abkommen und Strafen pragmatischer sehen als zur Besserung der Täter oder zumindest dem Schutz der Gesellschaft dienend, Sühne und Schuld sind konstruierte Konzepte, mit denen sich die institutionalisierte Rache mit christlichen Werten in Einklang bringen lässt.

Fazit: Denkt darüber nach, was wirklich moralisch ist, wobei jedem Menschen seine Rechte zugesprochen werden, anstatt niedere Triebe wie Ekel und Rachsucht als Moral zu bezeichnen.

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