Himmel und Hölle

Der koreanische Film Himmel und Hölle denkt eine moderne Welt, in der der Gang zum Himmel oder zur Hölle, Engel und Dämonen Realität sind, ein vom Menschen akzeptiertes kaltes System über dem Ihrigen, aber doch nicht göttlich, Umwindung erlaubend. Von Gott ist keine Rede. Fragen nach Schuld und Verdienst, Gut und Böse werden zwar von den Figuren aufgeworfen, doch es scheint ihnen nicht weiter verblüffend, wie wenig sie mit dem System von Himmel und Hölle zu tun haben. Der Protagonist des ersten Teils ist ein einsamer Büroarbeiter, der ein leeres Leben führt, und vom System der Hölle zugewiesen wird, in den zweiten (oder später den dritten, Übersetzungsfehler?) „Kreis der Hölle“. Die Protagonistin des zweiten Teils ist Künstlerin, verlobt, in Beziehung zu ihrer Mutter stehend, sie ist dem Himmel zugewiesen. Überbringer der Schicksalsnachrichten sind Engel. Die Engel sind nackt, sie tragen Wahrhaftigkeit statt nur religiöser Symbolik, erscheinen jedoch andererseits wie Maschinen.

Der Protagonist des ersten Teils versucht den Dämonen zu entkommen, die ihn martern und in die Hölle führen sollen. Während an seinem Vorgesetzten demonstriert wird, was die Hölle bedeutet, indem ihm von den Dämonen die Haut abgezogen wird – die Dämonen zeigen sich sadistisch und nicht rein professionell, ist das eine Notwendigkeit, die die Dämonen als Gegenpol und doch Mitarbeiter der Engel ausmacht? Jedenfalls weist ein Engel nach dem Kundtun sadistischer Häme eines Dämons dem Protagonisten eine Fluchtmöglichkeit. Er führt nun ein Leben in der Kanalisation, geplagt von Albträumen, in Angst, erfolgt. „Diese Angst ist so quälend wie die Hölle selbst“. Tatsächlich macht es nichts aus. Doch er akzeptiert es, er gibt vor, eine freie Entscheidung gehabt zu haben, der folgend es ihm nun zugestanden ist zu leben, auch wenn er unter höchster Bedrohung sich zu der Flucht entschieden hat, die direkte Konfrontation war unvermeidlich – wie später auch im zweiten Teil. Jahre, erzählt er, verbringt er auf der Flucht. Man erhält das Gefühl, er führt den kalten Büroalltag in einem kalten höllenartigen Fluchtalltag fort, bloß jagt er Ratten statt Papiere.

Die Protagonistin des zweiten Teils mit ihrem reichen Leben erhält mehr Zeit zwischen Verkündigung und geplantem Zustandekommen ihres Todes. Sie hat Zeit ihr Leben „zu ordnen“. Sie akzeptiert zunächst ihr Schicksal, wie es sich gehört, eröffnet dem Zuschauer ihre Kenntnisse vom Himmel. Der Himmel, das ist die Gottesschau, die Gott als ein leeres Konzept ermöglicht, wie es auch für uns möglich ist, das ist der Tod, wie er eine wahre Angst ermöglicht, die der Protagonistin begegnet. Der Himmel ist frei von Person, sogar frei von Bewusstsein und Schmerz, was identisch ist – sie hatte sich gefragt, „wie man bei vollem Bewusstsein den Schmerz vermeiden kann“ – der Schmerz ist immanent, nicht nur Angelegenheit der Hölle. Nachdem sie noch der sich alltäglich verhaltenden, die Annahme des Loses empfehlende Mutter begegnet ist, trifft sie ihren Verlobten, der einige Emotionen von sich gibt, eine gemeinsame Flucht vorschlägt. Schockiert ist sie, wie er das Heil ihrer beider in Gefahr bringt, wendet sich ab, doch kommt schließlich selbst dazu: Sie wolle sich erinnern, lieben, weinen, streiten, Angst haben, „wahres Glück“ nennt sie es, doch andererseits sieht sie: Auch ihr Leben ist im Grunde leer, es gibt nichts zu ordnen. Die Mutter scheint ihr abzuraten, tötet sich dann jedoch selbst und hinterlässt eine Nachricht: Sie habe darin die einzige Möglichkeit gesehen, ihr eine freie Entscheidung zu ermöglichen, zu fliehen, frei von Gedanken an das Wohl der Mutter. Die einzig mögliche „freie“ Entscheidung ist die zur Flucht. Die Idee, die vorher schon begann, die Protagonistin „zu beherrschen“, das ist die Freiheit, die so sehr im Vordergrund steht. Genauso wenig wert wie das Familiäre, das im Streit beendet wurde, von Erwartungen durchsetzt. Nun will sie tatsächlich fliehen, nur noch kurze Zeit verbleibend, läuft zu ihrem Verlobten, der ihres Todes sicher bereits für die Anwesenheit einer neuen Sexualpartnerin Sorge getragen hat. So wird ein weiterer verherrlichter Aspekt der menschlichen Welt wertlos, der der Liebe. Doch macht dies nicht etwa den Himmel doch erstrebenswert, er bleibt ein Unsinn, an seine Stelle tritt das Erbrennen des Lebens, die leidenschaftliche Tötung mit der Schere, das Feuer kann direkt in der Hölle fortgesetzt werden. Nichts bleibt von Sozialem, von Persönlichem, von Menschlichem, von Himmlischem, von Höllischen.

Leider konnte der Film zumindest mich nicht emotional erreichen, Angst, Trauer oder Verstörung kamen nicht bei mir an, was verhinderte, ihn zu einem unglaublichen Erlebnis zu machen. Ansonsten bietet er aber doch etwas.

Der Film bei Youtube
Programmeintrag mit Zusammenfassung bei Arte
Eintrag in der IMDB

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