Karneval ist nicht politisch, nicht humorvoll und nicht verrückt

Guten Abend!

Ich gehe einmal davon aus, was Karneval, Fasching, Fastnacht o.ä. ist, wisst ihr. Wo ich lebe, ist dies im Moment sehr aktuell, viele Leute haben ihren Spaß, verkleiden sich, feiern, betrinken sich, wie es beim Feiern üblich ist, und nehmen evtl. noch an etwaigem Brauchtum teil.

Nun gibt es aber jene, die solche Aspekte wie das Politische am Karneval, Humor oder Verrücktheit in diesem Zusammenhang ins Spiel bringen. Ich fange hinten an: Der Karneval hat nichts mit Verrücktheit zu tun, Karneval wird kollektiv begangen, ebenso wenig, wie es des Mutes oder Wahnsinns bedarf, sich im Rest des Jahres ordentlich gekleidet zur Arbeitsstätte zu begeben, bedarf es irgendeiner Verrücktheit, sich an Karneval besonders zu schminken oder die Verkleidung anzulegen. Mag es nicht erzwungen sein, gehört es doch zur gesellschaftlichen Erwartung, alle (d.h. viele) machen mit, und danach kehrt man zur Normalität zurück, ohne zu bemerken, dass man sich nie aus der Normalität herausbegeben hat, Karneval mag gewisse Bedürfnisse befriedigen, teils exzessiv sein, aber ein gesellschaftlicher Einfluss besteht nicht, man distanziert sich nicht von widerwärtiger Normalität, man macht nur einfach einmal etwas anderes mit seinen Mitmenschen.
Karneval ist somit sicherlich keine Revolution, zum Politischen wäre schon etwas gesagt, doch mehr dazu: Im „organisierten Karneval“ biedert man sich immer wieder an, politisch zu sein, politische Umzugswagen, die ach so provokant erscheinen sollen, politische Themen bei manchen Büttenreden. Doch das alles: Teil des „Brauchtums“, niemand wird ernsthaft provoziert, es wird mit einem Bier in der Hand einfach allgemein angenommen. Politik bedarf des Konflikts („Politik (ist) gesellschaftliches Handeln, … welches darauf gerichtet ist, gesellschaftliche Konflikte über Werte verbindlich zu regeln.“ – Gerhard Lehmbruch). Ich möchte nicht das küntlerische Vermögen der Wagenbauer und Büttenredner völlig in Abrede stellen, doch ruht die bildende Kunst etwa im Rest des Jahres, sind die Wagenbauer die Vorreiter der Avantgarde, gibt es nicht auch sonst im Jahr das politische Kabarett, das es auch vermag, Menschen im nüchternen Zustand und ohne Signale zum Lachen mit Politischem zu konfronteren? Womit eine Überleitung zum Thema Humor gefunden wäre: Der Karneval mag eine Ausweitung des Humorvoll-Scheinens zu bewirken, jedoch auch eine Verflachung eben dessen. Der Humor, die Ironie, der Sarkasmus – sie sind etwas wunderbares in einer Welt der Absurdität und Geringfügigkeit einer jeden Person, sie stellen sich oft im Leben ein und nehmen dem Smalltalk das Lapidare und die Oberflächlichkeit, wenn man es denn zulässt, und sich nicht einfach nur normal und gesittet unterhalten möchte. Doch die Einbeziehung von Humor im Karneval ist gerade das Normale und Gesittete, man lacht kollektiv über jeden Witz, den man sonst im Jahr noch nicht einmal hören wollte, ebenso wie man sich mit spezieller, bedeutungsloser Musik unterhält, die die Bedeutungslosigkeit des ganzen Brauches unterstreicht, sie ist nur Teil dieses speziellen Ereignisses, zu anderen Zeien würde man so etwas wiederum nicht hören wollen, man hat ja schließlich seine Arbeit zu erledigen und gesittet seinen gesellschaftlichen Pflichten nachzugehen und zu feiern. Karneval – das Äußerste, das unsere Gesellschaft als Ganzes zu bieten hat? Das wäre doch schade, aber vielleicht ist es so, schade.

So viel dazu. Ich akzeptiere es – auch wenn ich es kaum nachvollziehen kann – dass Menschen im Kollektiv feiern möchten, die Droge Alkohol trotz ihrer Gefährlichkeit konsumieren, ihre sinnlosen, unpolitischen Bräuche „pflegen“ (nein, was vor 150 Jahren politisch war, ist es wohl heute nicht mehr unbedingt) möchten. Das macht einen Menschen nicht schlecht, Menschen sind vielseitig und widersprüchlich, gute Menschen können Seiten haben, die diesen Beschäftigungen nachgehen. Höhere Ansprüche mit dem Karneval zu verbinden – das sehe ich dagegen nicht ein.

4 Responses to “Karneval ist nicht politisch, nicht humorvoll und nicht verrückt”

  1. Andreas Says:

    Schöner Text!
    Ich war auch schon ein paar mal an Rosenmontag in Köln und finde Karneval nur im Vollrauch erträglich – dann ist es eigentlich ganz nett. Sogar die grauenhafen Karnevalslieder gehen dann unerklärlicherweise. Dabei sind die eigentlich weit jenseits der Grenze bis zu der man sich Musik noch schöntrinken kann.
    Die Geste irgendwie politisch zu sein finde ich in Ordnung, aber ernstzunehmen ist das Ganze sicher nicht.
    Eigentlich geht mir deutsche Kabarett-Satire auch auf die Nerven, denn auch dort wird meist nur dem Publikum erzählt was es hören will (Politiker korrupt, Konzerne gierig…) ohne das Ganze ausreichend mit Absurdem zu garnieren, was Dinge für mich lustig macht.
    Man braucht eigentlich weder tolle Satire noch super-hochwertige Zeitungen um eine angenehme politische Situation herbeizuführen; in Norwegen gibt es soweit ich das beurteilen kann von beidem eher wenig, man ist im Allgemeinen ernst und hat einen Humor der wenig mit den großen Dingen der Welt zu tun hat.
    Das Zitat von Emile Zola “Lachen ist eine Macht, vor der die Größten dieser Welt sich beugen müssen” sehe ich ab und zu mal bei jemand and der Wand hängen. Vielleicht hat das früher mal besser gepasst als Könige noch seltsame Uniformen anhatten, aber heute finde ich das so tiefschürfend (und zutreffend) wie “zehn Tipps für großartigen Sex” aus der Cosmopolitan. Soviel ich weiß wird die Revolution in Ägypten oder Libyen nicht von professionellen Satirikern oder Clowns angeführt und in Libyen ist der Humor sogar auf der Seite von Gaddafi – seinen seltsamen Stil finde ich jedenfalls ziemlich gelungen und möglicherweise ironisch(?).
    Humor ist eher ein Ventil, das den Druck reduziert, der einen dazu bringen könnte wirklich etwas zu tun, als Antrieb für sinnvolles Tun. In diesem Sinne, Alaaf!

  2. The User Says:

    „Vielleicht hat das früher mal besser gepasst als Könige noch seltsame Uniformen anhatten…“
    Gaddafi? :D

  3. whilo Says:

    Ich würde sogar sagen Karneval ist nicht nur die Verlängerung des Alltags, er ist sogar eine notwendige affirmative Bestätigung desselben. Viele Leute trösten sich von einem instutionalisierten Event zum nächsten…
    Anstatt wirklich den Rahmen zu sprengen und das subversive an Humor zu riskieren, institutionalisiert er so viele Formen des Protests wie möglich und nimmt ihnen damit ihre Provokation. Aber den Karneval abzulehnen, wie so viele andere banale Institutionen (Geburtstage, Weihnachten, Neujahr, …) ist nur defensiv und typisch für einen elitären Gestus. Letztendlich akzeptiert man damit die Situation und gefällt sich als überlegener Kritiker. Ich würde also eher versuchen dagegen zu provozieren, auch wenn das sozial gesehen besonders riskant ist, da die Leute selbst an diesen Institutionen festhalten um sich von der Wirklichkeit abzulenken. Tatsächlich lässt sich aber das zugrundeliegende Revolutionäre nicht vollständig tilgen.

    P.S. Nichts gegen Drogen und vor allem nichts gegen eine feine Flasche Vodka + Vollrausch… Die neue Biederkeit (schon krass, dass die Grünen ein solches Ressentiment gegen das Rauchen pflegen) ist nichts anderes als eine Rationalisierung des Konsums, die eben gerade genauso argumentiert, wie es ansonsten im Kapitalismus üblich ist. Meine Lebenszeit ist keine Gesundheitsbilanz.
    Gerade wer sich in das Risiko eines Vollrausches begibt muss sich mit seinen eigenen Vorurteilen konfrontieren, da er sehr viel direkter mit der Gesellschaft kollidiert als er das sonst planen kann… (an Fasnacht oder in der Disko ist das nat. institutionalisiert). Außerdem nimmt man sich die Zeit garantiert frei und kann sie auch nicht rationalisieren.

  4. The User Says:

    „Tatsächlich lässt sich aber das zugrundeliegende Revolutionäre nicht vollständig tilgen.“
    Worauf bezieht sich dieser Satz? Das zugrundeliegende Revolutionäre des Karnevals? Eine völlige Ablehnung ist natürlich nicht sinnvoll, man kann mit solchen Events auch tatsächlich humorvoll und provokant umgehen, zudem sollte man auch akzeptieren, dass es anderen vllt. etwas Gewisses bedeutet, und nicht herablassend gegenüber all jenen Personen auftritt.

    Zum Rausch: Mir liegt nichts daran, eine alkoholisierte Geselligkeit zu pflegen und mich reizt auch sonst nichts an Nikotin oder Alkohol, was nicht durch gesundheitliche Risiken aufgewogen wird. Was Abhängigkeit angeht, möchte ich insbesondere auch jedwedem gesellschaftlichem Zwang zum Konsum entgegenstehen. Andere Drogen kommen zum einen auf Grund noch weiterreichender gesundheitlicher Schäden nicht in Frage, zum anderen aber (bei recht ungefährlichen, etwa den meisten Halluzinogenen) die Kriminalisierung, die nur zweifelhafte Möglichkeiten zum Erwerb erlaubt. Ich denke auch, dass ich mich genügend „irrationalen“ Tätigkeiten widme.

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