Rainer Erlinger und absolute Moral

Gleichwohl die moralischen Ausführungen eines gewissen Herrn Rainer Erlingers in der Sonntaz vergangener Woche praktischer Natur waren, klang auch einmal die grundsätzliche Frage nach der Kulturabhängigkeit von Moral an, wobei er jene allerdings relativiert hat, „die Würde des Menschen“ sei für ihn „nicht verhandelbar“. Doch: Es sollte festgehalten werden, dass Moral sich immer aus Gepflogenheiten ergibt und keineswegs eine moralische Bewertung absolute Wahrheit sein kann, sei es auch die Menschenwürde, sie entsteht aus subjektiven Gefühlen, Idealen oder Pragmatismus. Wer dagegen eine Moral setzen will, bedarf eines Dogmas oder einer zweifelhaften Gotteslehre. Wohl auch dafür – die absolute Legitimation von Handlungen – wurden Gotteskulte aufrechterhalten.
Gleichwohl kann man Ideale wie die Menschenwürde an oberste Stelle für nicht verhandelbar erklären, was sinnvoll ist, weil dies gerade einen Wert, einen Sinn schafft – sei es aus ästhetischen oder pragmatischen Gründen (wie etwa dem guten Zusammenleben). Dabei muss man sich des Relativismus aber bewusst bleiben. Im Grunde kann man sich nicht anmaßen, einen Mörder moralisch zu verurteilen, die juristische Verurteilung ist jedoch Notwendigkeit für das Zusammenleben. Aus der eigenen Moral heraus zu verurteilen bleibt der Mord, den er durchgeführt hat, als Gräueltat, nicht aber der Täter als Gräuel, denn dieser konnte nicht anders, es entsprach womöglich sogar seiner Moral. Es gab für ihn nur eine Möglichkeit, das war die Wirklichkeit, das war die Tat. Niemand kann sich anmaßen, jemand könne etwas anderes tun, als das, das faktisch ist, faktisch getan wird.
Ein grundsätzliches kritisches Hinterfragen der Moral ist von Bedeutung, man kann dennoch umso entschiedener für seine Werte eintreten und sie leben – gerade zum Wohle der Gemeinschaft. Herr Erlinger ist in dem taz-Interview als Moralapostel aufgetreten – sicherlich nicht als Moralphilosoph, was er – am Rande bemerkt – auch nicht ist.

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